Hlmptinanns Lyrik und Epik.
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Sein inniges Mitgefühl mit den Armen und Elenden mußteihn in den Naturalismus drängen. Daraus erwuchs seine erste Novelle„Bahnwärter Thiel " (1887). Sie sand nur einen Nachfolger:die psychologische Stndie „Der Apostel" (1890; beide erschienenin Buchform 1892). Vergleicht man beide, so sieht man, wie raschHauptmann sich entwickelte. „Der Apostel" ist die feine Schilderungeines von religiösem Wahn erfüllten Gemütes — ein Problem, das denleidenschaftlich über die Grenzen der Individualität Hinansstreben-den Kraftgenies immer am Herzen lag, und das den jungen Goethe(im „Mahomet"), Tieck (im „Aufruhr in den Cevennen"), GeorgBüchner (im „Lenz ") ebenso sehr reizen mußte wie die vielen Kleinenvon heute, die Gumppenberg („Der fünfte Prophet" 1895), Mombert („Die Schöpfung" 1899) u. a. Sehr glücklich ist die getrageneSeelenstimmung des Propheten benutzt, um jene Andacht zum Un-bedeutenden hervortreten zu lassen, die Hauptmann an der Lyrikvon Johannes Schlaf gelernt hatte: „der Heiligenschein kam jedemNaturerzeugnis, auch dem kleinsten Blümchen oder Käferchen zu . .Der Duft des weißen Jasmins, des blauen Flieders und desdunkelbrennenden Goldlacks erfüllte stellenweise die reine uud starkeLuft, daß er sie wohlig in sich sog, wie einen gewürzten Wein . .Das kleinste Käferchen wurde umgangen, die zudringliche Wespevorsichtig verscheucht." (Man denke noch an die Bienenscene in den„Einsamen Menschen".) Daneben aber ist diese Stimmung auchzum Größten bereit; Frieden will der Prophet der ganzen Weltschaffen und zwar mit dem „einzigen wundervollen Wortjuwel:Friede!" Denn er kennt den Weg zum Weltfrieden: „man betratihn dnrch ein Thor mit der Aufschrift: Natur".
So ist dieser namenlose Prophet zugleich eine ganz indivi-duelle Gestalt, und typisch für unsere Zeit mit ihrer Sehnsuchtnach Frieden und stiller Natur, und ein Typus auch des religiösenSchwärmers überhaupt. So große Wirkungen hat Gerhart Haupt-mann lediglich durch ein zartes Einfühlen und ein schlichtes reingegenständliches Aussprechen erreicht.
Dagegen „Bahnwärter Thiel " ist noch ganz befangen in der„bloßen Nachahmung der Natur". Zolas Einfluß verrät sich über-all, sowohl in dem krassen Naturalismus aller Scenen, in denendie Frau auftritt, wie in dem Versuch, diese Naturnachahmungdurch von außen hereingetragene Mystik und absichtsvollen Symbolis-mus zu poetisieren. An die etwa gleichzeitige ,bsts Irum^ine'