Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
Seite
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Streng vertraulich erfahre ich, daß man in amt-lichen französischen Kreisen beunruhigt ist über diezunehmende Herzlichkeit unserer Beziehungen zuEngland und über den Einfluß, den wir hier besitzen.Namentlich scheint auch das Kolonialabkommen,dessen Inhalt im wesentlichen wohl in Paris bekanntsein dürfte, dort Mißfallen erregt und zu lebhaftenVorstellungen bei Sir Edward Grey geführt zu haben.Er wird also zunächst versuchen, die Franzosen zuberuhigen und ihrer Eitelkeit zu schmeicheln; auchliegt ihm viel daran, seinen bisherigen Einfluß dortzu erhalten, schon weil die innere Entwicklung diesesLandes ihm kein großes Vertrauen einflößt, und dieRückkehr Rußlands zur Reaktion ihn außerdem be-unruhigt. Je weniger unsere Presse nun in den leiderbei uns so beliebten Polterton verfällt, oder garFrankreich gegenüber eine anmaßende oder kriege-rische Sprache führt, um so weniger wird er sich ge-nötigt sehen, von uns abzurücken. Denn darüberdürfen wir uns nicht im Zweifel sein, daß, wenn erzu wählen hat, er sich für Frankreich entscheidenwird, ähnlich wie wir, vor die Wahl gestellt zwischenÖsterreich und Rußland , uns für ersteres entscheidenwürden. Die ungeschmälerte Erhaltung Frankreichs gilt den Engländern ebensosehr als eine politischeNotwendigkeit wie uns die Erhaltung Österreich -Ungarns, und sie würden daher, wie ich nochmalshervorheben möchte, in einem Kriege zwischenuns und Frankreich unter allen Umstän-den ihre schützende Hand über letztereshalten, und ich bedauere lebhaft, daßtrotz meiner wiederholten und eingehen-den Darlegungen über diesen wichtigenPunkt diese Tatsache immer noch Zwei-feln begegnet. Da man hier eben den Frie-

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