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2 (1927)
Entstehung
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könnte, wird aber, wie wir soeben gesehen, auch allesvermeiden, was bei uns Anstoß erregt.

Churchill scheint nach allem, was ich höre, nundoch mitzukommen und zwar an Bord seiner Jacht,vermutlich mit einigen Seelords und seiner schönenund sehr anmutigen Frau*). Wenn dabei nicht zuvieldummes Zeug geredet wird und wir etwas taktvollMaß halten, so kann die Sache nicht so übel werden.Churchill ist ein sehr geriebener Fuchs und wirdsicherlich versuchen, mit irgendwelchen Vorschlägenzu kommen. Hoffentlich bleiben Sie die Zeit über inKiel und gelingt es Ihnen, ausweichend zu antwortenoder die Sache auf die lange Bank zu schieben. Sonstist er ganz angenehm und zweifellos ein bedeutenderMensch. Als Politiker etwas phantastisch und un-zuverlässig. Er kommt mir aber viel offener jetzt ent-gegen als im Anfang. Ich glaube, er hat das Miß-

*) In meinen Berichten ist von einem eventuellen BesuchSir E. Greys in Kiel nicht die Rede; dagegen kam ich ineinem Privatbrief an Staatssekretär von Jagow vom 26. Mainochmals auf den Churchillschen Besuch, nebenbei auch aufLondoner Gerüchte über eine beabsichtigte neue deutsche Flotten-novelle zu sprechen:Hier heißt es, Churchill ginge nicht mit nachKiel . Er speiste kürzlich mit seiner Frau und Mutter bei uns,sprach mir aber nicht von der ganzen Angelegenheit, und ichhütete mich auch, ihn darauf anzureden. Nur seiner Mutter, dieneben mir bei Tische saß, sagte ich, als sie mir andeutete, daßer wahrscheinlich nicht nach Kiel ginge, daß wir ihn begreiflicher-weise nicht hätten einladen wollen, daß aber, falls er sich an-sagte, er einer herzlichen Aufnahme vergewissert sein könne. Erstellt sich in letzter Zeit sehr freundlich zu mir und ist wenigerverschlossen und zurückhaltend als früher. Sollte er doch hin-gehen, so kann ich mir einen Schaden davon nicht gewärtigen,falls nicht unsererseits unnötiges Zeug mit ihm erörtert wird.Ich könnte ihm vielleicht auch zu verstehen geben, daß er mitnaval holiday und ähnlichem Unsinn nicht kommen soll. Fatalerwäre mir schon die Anwesenheit des Battenbergers, schon wegenseiner Freundschaft mit Prinz Heinrich und weil er als Deutscher

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