AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG
I n den letzten Tagen haben sich fast alle maß-gebenden hiesigen Blätter in ausführlichen Leit-artikeln über die Bedeutung des Besuchs SeinerMajestät des Königs in Paris geäußert.
Der Ton der Artikel ist, wie die Gelegenheit esvorschreibt, im allgemeinen herzlich. Es wird betont,daß das Freundschaftsverhältnis der beiden Staatenwährend der zehnjährigen Dauer seines Bestehens dieenglische und französische Nation einander nahe-gebracht habe, so daß ihr politisches Zusammengehennicht mehr auf dem Willen der Kabinette, sondern demWillen der beiden Völker beruhe. In warmen Wortenwerden die prunkvollen Vorbereitungen geschildert,die Paris zum würdigen Empfang des englischenHerrscherpaares getroffen hat.
Bei der Würdigung der bisherigen Ergebnisse derenglisch -französischen Ententepolitik wird in ersterLinie hervorgehoben, daß sie der Wahrung deseuropäischen Friedens gedient habe, und die Wahrungdes Friedens wird auch als das zukünftige Haupt-ziel der Entente hingestellt.
Die bekannten Darlegungen des Professors Lavisse in der „Times" und ähnliche Äußerungen der franzö-sischen Presse haben andererseits dazu beigetragen,die englische Presse in eine gewisse Abwehrstellung zuversetzen, die fast durchweg in mehr oder minderkühlen Zusätzen zum Ausdruck kommt.
Der Gedanke der Umwandlung des Ententever-hältnisses in ein Bündnis findet in keiner der bedeu-tenderen Zeitungen beider Parteien Unterstützung,vielmehr begegnet er allenthalben, wo er aufgeworfenwird, einer höflichen, aber bestimmten Ablehnung. Inklaren Worten wird ferner erklärt, daß England weder
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