und daß der Zweck seines Besuches war, uns davorzu warnen, uns etwa Österreich zuliebe in einen Kriegmit Rußland und Frankreich einzulassen. DieselbeWarnung, wenn auch in etwas weniger verbindlicherForm, war im Sommer 1911 erfolgt, und zwar durchden Mund Mr. Lloyd Georges, als unser Erscheinen inAgadir hier den Verdacht erregt hatte, wir suchtennach einer Gelegenheit, um mit Frankreich an-zubinden, und nachdem Sir Edward Grey durchmehrere Wochen vergeblich auf eine Aufklärung ge-wartet hatte.
Auch von seiten Sir Edward Greys sind mir inden ersten Monaten meines Hierseins während desBalkankrieges wiederholt Andeutungen in dem Sinnegemacht worden, daß England in einem europäischenKriege nicht müßig würde Zusehen können. SeineBemerkungen waren nicht mißzuver-stehen, wenn es auch nur leise Andeutun-gen waren, und ich konnte bei jeder Gelegenheitbeobachten, wie sehr er bestrebt war, jeder Zuspitzungder europäischen Lage vorzubeugen und auch anderer-seits allen Regungen des französischen Chauvinismusentgegenzutreten, um nicht genötigt zu sein, zugunstenFrankreichs einzugreifen.
Es wäre nun sehr wunderbar, wenn diese Verhält-nisse einem so gewiegten Diplomaten, wie Herr Cam-bon es ist, entgangen sein sollten, und wenn über sowichtige Fragen nie ein Meinungsaustausch zwischenihm und Sir Edward Grey stattgefunden hätte. Ich binvielmehr der Ansicht, daß mein französischer Kollegeebenso genau wie ich es weiß, daß man hier den Re-vanchekrieg ebensowenig zulassen will wie eineWiederholung der Ereignisse der Jahre 1870/71. Beieiner so klaren Lage der Verhältnisse bedarf eskeiner formellen Verpflichtungen oder schriftlichen
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