Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 14. 7. 1914

I ch habe bereits versucht, in diesem Sinne vertrau-lich und vorsichtig Fühlung zu nehmen, versprechemir aber angesichts der bekannten Unabhängigkeitder hiesigen Presse derartigen Einwirkungen gegen-über nur wenig Erfolg. Es wird schwer halten, diegesamte serbische Nation als ein Volk von Böse-wichten und Mördern zu brandmarken und ihm da-durch, wie der Lokalanzeiger bestrebt ist, die Sym-pathien des gesitteten Europas zu entziehen; nochschwerer aber die Serben, wie eine amtliche Persön-lichkeit dem Wiener Vertreter desDaily Telegraph "gegenüber tut, auf dieselbe Stufe zu stellen mitden Arabern in Ägypten und in Marokko oder mitden Indianern in Mexiko . Es ist vielmehr anzunehmen,daß die hiesigen Sympathien sich dem Serbentum so-fort und in lebhafter Form zuwenden werden, sobaldÖsterreich zur Gewalt greift, und daß die Ermordungdes hier schon wegen seiner klerikalen Neigungenwenig beliebten Thronfolgers nur als ein Vorwandgelten wird, den man benutzt, um den unbequemenNachbarn zu schädigen. Die britischen Sympathien,namentlich aber die der liberalen Partei, haben sichin Europa meist dem Nationalitätenprinzip zugewandt,bei den Kämpfen der Italiener gegen die österreichi-sche, päpstliche oder bourbonische Herrschaft, undhaben bei Balkankrisen gewöhnlich den dortigenSlawen gegolten. Sowohl während der Annexions-krisis als auch im vorigen Winter bei akuten Fragenneigte die hiesige öffentliche Meinung zur Partei-nahme für Serbien und Montenegro, und es wäre da-her damals schwer gefallen, die britische Zustimmungzu einem energischeren Vorgehen gegen König Nico-laus zu erlangen.

So sehr man also auch eine unnachsichtige straf-

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