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2 (1927)
Entstehung
Seite
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rechtliche Verfolgung der Mörder begreifen wird, sowenig, fürchte ich, wird die öffentliche Meinung dafürzu haben sein, daß man die Angelegenheit auf daspolitische Gebiet hinüberspielt und sie zum Ausgangs-punkt militärischer Maßnahmen gegen ein Volk vonVerbrechern macht. In diesem Falle dürfte auch dasdurch die innere Krise bereits geschwächte gegen-wärtige Kabinett kaum die Kraft besitzen, um einePolitik zu unterstützen, die sowohl den ethischenEmpfindungen der Nation als der Geschmacksrichtung

der (liberalen) Partei widerspräche. T . , .

Lichnowsky.

AN DAS AUSWÄRTIGE AMT London, 15. 7. 1914

I ch habe bereits versucht, sowohl durch wiederholteBesprechungen mit Sir E. Grey, über die ich be-richtet, als auch durch vorsichtige Fühlungnahme mitder hiesigen Presse für eine günstige Beurteilung et-waiger sich als notwendig erweisender ernsterer Maß-nahmen Österreichs gegen Serbien vorzuarbeiten. SirE. Grey sagte, alles käme darauf an, welcher Art et-waige Eingriffe sein würden, keinesfalls dürfe eineSchmälerung des serbischen Gebietes in Frage kommen.Er hat auch, wie berichtet, sich daraufhin bemüht, inPetersburg zugunsten der österreichischen Ansprüchezu wirken. Sollte aber in Rußland infolge militärischerMaßnahmen Österreichs eine gewaltig erregte Be-wegung entstehen, so würde er gar nicht in der Lagesein, die russische Politik in der Hand zu behalten,und wird schon mit Rücksicht auf die Mißstimmung,die gegen England augenblicklich in Rußland herrscht,und von der Graf Pourtales zu berichten weiß, aufrussische Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen müssen.Der Minister wird jedenfalls, dessen bin ich gewiß,bei Ausbruch eines österreichisch-serbischen Streits

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