Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
Seite
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Eine militärische Züchtigung Serbiens hätte daherniemals den Zweck oder das Ergebnis einer befriedi-genden Lösung der so überaus schwierigen südslawi-schen Frage, sondern bestenfalls den Erfolg, die müh-sam beigelegte orientalische Frage von neuem insRollen gebracht zu haben, um Österreich eine mora-lische Genugtuung zu verschaffen.

Ob Rußland und Rumänien hierbei müßig Zusehenund Österreich freie Hand lassen würden, werdenEw. Exzellenz besser zu beurteilen in der Lage seinals ich. Nach meinen hiesigen Eindrücken, namentlichaber nach den vertraulichen Unterhaltungen, die ichmit Sir Edward Grey gehabt habe, glaube ich, daßmeine kürzlich in Berlin vertretenen Ansichten überdie Absichten Rußlands uns gegenüber zutrafen. SirEdward Grey versichert mir, daß man in Rußland nicht daran denke, mit uns Krieg führen zu wollen.Ähnliches sagt mir mein Vetter Graf Benckendorff .Eine gewisse antideutsche Stimmung kehre dort vonZeit zu Zeit regelmäßig wieder, das hänge mit demslawischen Empfinden zusammen. Dieser Strömunggegenüber bestehe aber immer eine starke prodeutschePartei. Weder der Kaiser noch irgendeine der maß-gebenden Persönlichkeiten sei antideutsch und seitder Beilegung der Limanfrage sei keine ernste Ver-stimmung wieder eingetreten. Hingegen gab GrafBenckendorff offen zu, daß ein starkes antiöster-reichisches Empfinden in Rußland bestehe. Es denkeaber dort niemand daran, Teile von Österreich , wieetwa Galizien , erobern zu wollen.

Ob angesichts dieser Stimmung es möglich seinwürde, die russische Regierung beim österreichisch-serbischen Waffengange zur passiven Assistenz zu be-wegen, vermag ich nicht zu beurteilen. Was ich aberglaube, mit Bestimmtheit sagen zu können ist, daß es

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