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2 (1927)
Entstehung
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255
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 24. 7. 1914

raf Benckendorff suchte mich auf und sagte mir

VJstreng vertraulich, er halte es für kaummöglich, der serbischen Regierung, falls sie nicht zueinem Vasallen Österreichs herbabsinken solle, dieAnnahme derartiger Bedingungen zu raten. Er glaubenicht, daß Rußland hierzu in der Lage sei. Es hießedoch so viel, wie die Serben bedingungslos in dieHände Österreichs ausliefern. Das würde die öffent-liche Meinung in Rußland nicht vertragen. Eine solcheNote schreibe doch nur eine Regierung, die denKrieg wolle; das sei nicht der Ton des Friedens.Sir E. Grey hat bisher nicht mit ihm gesprochen.

Lichnowsky.

AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London, 24. 7. 1914

S ir E. Grey ließ mich soeben zu sich bitten. DerMinister war sichtlich stark unter Eindruck derösterreichischen Note, die seiner Ansicht nach allesüberträfe, was er bisher in dieser Art jemals ge-sehen habe. Er sagte, er habe bisher keine Nachrichtaus Petersburg und wisse daher nicht, wie man dortdie Sache auffasse. Er bezweifelt aber sehr, daß esder russischen Regierung möglich sein werde, derserbischen Regierung die bedingungslose Annahmeder österreichischen Forderungen anzuempfehlen. EinStaat, der so etwas annehme, höre doch eigentlich auf,als selbständiger Staat zu zählen. Es sei für ihn, SirE. Grey, auch schwer, in diesem Augenblick in Peters-burg irgendwelche Ratschläge zu geben. Er könnenur hoffen, daß dort eine milde und ruhige Auf-fassung der Lage Platz greife. Solange es sich umeinen, wie Eure Exzellenz in dem von mir Sir E. Greygegenüber verwerteten Erlaß 1055 betonen, lokali-sierten Streit zwischen Österreich und Serbien

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