Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
Seite
258
Einzelbild herunterladen
 

krieges mit russischer Hilfe. Diese Gefahr bestehtaus bekannten Gründen heute für uns nicht mehr indemselben Maße wie damals. Rußlands Interessen-gebiet hat sich nach Osten verschoben, wo immerneue Gebiete der russischen Machtentfaltung er-schlossen werden und immer wieder Fragen auf-tauchen, die die russische Aufmerksamkeit in An-spruch nehmen. Ich glaube nicht an den russischen Krieg, und zwar schon deshalb nicht, weil es dochganz klar ist, daß Frankreich nur so lange der VasallRußlands bleiben wird und auch England nur so langeanderthalb Augen über das russische Vordringen inAsien schließen wird, als wir die Aufmerksamkeitbeider in erster Linie in Anspruch nehmen. WelchesInteresse hätte denn Rußland , um den Krieg zumachen? Solange ich mich entsinnen kann, dasheißt, solange ich mit der Diplomatie in Fühlungstehe, und das sind beinahe nun 30 Jahre, kann ich micherinnern, daß es hieß, Rußland sei nicht fertig, werdeaber in einigen Jahren fertig sein, und daß der Ge-neralstab beunruhigt sei. Und immer war es nichtfertig, wenn diese Jahre herankamen, und so wird esauch wohl in Zukunft sein. Ebenso habe ich immerwieder die Frage des sogenannten prophylaktischenKriegs erörtern hören. Schon Bismarck stand diesemGedanken sehr skeptisch gegenüber und sagte zuWaldersee und anderen Militärs, die ihm die Not-wendigkeit des prophylaktischen Krieges klarmachenwollten, er könne sich ohne Beweise nicht über-zeugen lassen, und Beweise konnte niemand ihmliefern. Ich glaube auch heute nicht, daß wir mit Ruß-land einen Krieg werden führen müssen, wenn unserePolitik geschickt geleitet wird, am allerwenigsten aberglaube ich, daß durch einen prophylaktischen Kriegetwas anderes zu erreichen wäre, als daß wir uns

258