das Zurückgehen des österreichischen Einflusses aufdem Balkan hat sich bisher in sehr vorteilhafter Weisefür unsere dortigen wirtschaftlichen Interessen geltendgemacht. Wirtschaftlich sind wir und Österreich aufdem Balkan Rivalen, und überall tritt dort immermehr und mehr, wie mir erst kürzlich ein leitenderWiener Finanzmann klagte, der deutsche Handel indie Stellung ein, die früher der österreichische inne-hatte.
Ob man uns in Wien der Flaumacherei beschuldigt,ist doch vollkommen gleichgültig, geschimpft wirdüber uns dort stets, und mit der berühmten Nibe-lungentreue werden wir nachträglich doch nur aus-gelacht. An den baldigen Zerfall Österreichs glaubeich aber ebensowenig wie an die Möglichkeit, derinneren Schwierigkeiten durch eine aktive Auslands-politik Herr zu werden. Das südslawische National-gefühl und das Bedürfnis, sich zusammenzuschließen,kann durch einen Krieg nicht vernichtet werden undwird vielleicht nur um so heftiger in die Erscheinungtreten. Durch ein aktives Vorgehen Österreichs aberwerden gerade die Balkanstaaten noch mehr der russi-schen Hegemonie in die Arme getrieben, während siesonst, wie das Beispiel von Rumänien und auch vonBulgarien zeigt, die Tendenz haben, sich auf eigeneFüße zu stellen.
Was schließlich die „Lokalisierung" des Streitesanlangt, so werden Sie mir zugeben, daß sie, falls eszu einem Waffengange mit Serbien kommt, dem Ge-biete der frommen Wünsche angehört. Es scheint miralso alles darauf anzukommen, daß die österreichi-schen Forderungen so formuliert werden, daß sie miteinigem Druck aus Petersburg und London in Belgrad annehmbar sind, nicht aber, daß sie notwendigerweisezu einem Kriege führen. Lichnowsky.
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