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2 (1927)
Entstehung
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AN DAS AUSWÄRTIGE AMT

London , 29. 7. 1914

S ir E. Grey ließ mich soeben nochmals zu sichbitten. Der Minister war vollkommen ruhig, abersehr ernst, und empfing mich mit den Worten, daß dieLage sich immer mehr zuspitze. Sasonow habe er-klärt, nach der Kriegserklärung nicht mehr in derLage zu sein, mit Österreich direkt zu unterhandelnund hier bitten lassen, die Vermittlung wieder auf-zunehmen. Als Voraussetzung für diese Vermittlungbetrachtet die russische Regierung die vorläufige Ein-stellung der Feindseligkeiten.

Sir E. Grey wiederholte seine bereits gemeldeteAnregung, daß wir uns an einer solchen Vermittlungzu vieren, die wir grundsätzlich bereits angenommenhätten, beteiligen sollten. Ihm persönlich schiene einegeeignete Grundlage für eine Vermittlung, daß Öster-reich etwa nach Besetzung von Belgrad oder andererPlätze seine Bedingungen kundgäbe. Sollten Ew.Exzellenz jedoch die Vermittlung übernehmen, wieich heute früh in Aussicht stellen konnte, so wäre ihmdas natürlich ebenso recht. Aber eine Vermitt-lung schiene ihm nunmehr dringend ge-boten, falls es nichtzueiner europäischenKatastrophe kommen solle.

Sodann sagte mir Sir E. Grey, er hätte mir einefreundschaftliche und private Mitteilung zu machen,er wünsche nämlich nicht, daß unsere so herzlichenpersönlichen Beziehungen und unser intimer Ge-dankenaustausch über alle politischen Fragen michirreführten und er möchte sich für später den Vor-wurf der Unaufrichtigkeit ersparen. Die britische Re-gierung wünsche nach wie vor mit uns die bisherigeFreundschaft zu pflegen und sie könne, solange derKonflikt sich auf Österreich und Rußland beschränke,abseits stehen. Würden wir aber und Frank-

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