Druckschrift 
2 (1927)
Entstehung
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Wenn Nordamerika ein Bundesstaat ist, sowird das bedingt durch die ungeheure Ausdehnungund die Verschiedenartigkeit seines Gebietes, sowiedurch das ganz allmähliche Entstehen dereinzelnen Staaten, die sich meist erst später demursprünglichen Bunde anschlossen oder ihm an-geschlossen wurden. Braucht man beinahe eineWoche, um von einem Ende des Landes zum anderenzu gelangen, so bestehen für ein einheitliches Staats-wesen räumliche Hindernisse, die nicht vorhandensind, wenn eine einzige Nachtfahrt genügt, um vonBerlin an das Ende des Reiches zu fahren.

Wenn Rußland , wie vielleicht anzunehmen,aus den Wirren des Krieges und der Revolutionals ein Bundesgenosse hervorgeht, so spricht dieAusdehnung des Reiches wie bei Nordamerika, Bra-silien und Australien dafür, nicht minder aber dieZahl seiner Völker und Völkerschaften, die bisherder Zarismus und seine Bureaukratie einheitlich zu-sammenhielt.

Bei den Völkern Österreich -Ungarns, fallssie sich etwa in verkleinerter Form mit oder ohneDeutschösterreich als Staatenbund einigen, sind dieGrundlagen der Föderalisierung durch die nationalenVerschiedenheiten gegeben, nachdem die Niederlagenvon 1866 und 1918 sowohl den Einheitsstaat wie denDualismus zerstörten. Wo aber liegen bei uns dieVoraussetzungen, die die künstliche Schöpfung neuerEinzelstaaten oder die Erhaltung alter bedingen? Inder Stammeseigenart? In der Eigenbrötelei? Ist dennetwa der Rheinländer verschiedener vom Schlesierwie der . Pikarde vom Provenzalen oder wie derNeapolitaner vom Piemontesen? Haben nicht Ost-preußen und Schlesier sich bisher in einem Staatemit Westfalen, Hessen -Nassauern und Schleswig-

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