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II BILDUNGSMÄCHTE
Zeitgenossen in Vergleich zu stellen. Im Stile Barbaros spielen sie nuranfangs, später jedoch keine Rolle mehr: Er hat inhaltlich stets so vielGewichtiges zu sagen, daß er sich selten in der oft gerügten humanisti-schen Phrase und Manier verfängt. Guarino seinerseits versäumt keineGelegenheit den Dank, der ihm gespendet wird, zu dem Vater dieserStudien, Manuel Chrysoloras , weiterzuleiten.
Wie der Veroneser lehrte, berichtet die schöne Grabrede eines seiner letzten Schüler,Ludovicus Garbo 2 *. «So klar, so durchsichtig erklärte er die Natur der Worte, so sehreröffnete er den innersten Sinn der Autoren, daß er den Knaben gleichsam schon Gekau-tes in den Mund zu stecken schien. Um den zarten Geist der Jüngeren einzuführen odergleichsam einzutauchen, schrieb er einen kurzen Abriß der (griechischen Sprach)regeln(die Erotemata, ein Übungsbuch mit Frage und Antwort, die Manuel Chrysoloras verfaßthatte und die Guarino dem Schüler Francesco Barbaro nach seiner Rückkehr zu einemhandlichen Schulbuch umarbeitete 25 ). Für diejenigen, welche ein wenig in der Gram-matik fortgeschritten waren, zog er das Beste aus Servius (Vergilkommentator) aus...auch erfand er die leichteste Briefübung .... Die Kunst der Rede brachte er so bei, daßer hierin nicht einmal dem Quintilian nachstand. Die Dichter aber, allmächtiger Gott,legte er mit solcher Anmut aus, daß keiner nach einer andern Geistesspeise lechzte.Noch jetzt scheint mir in den Ohren jene edle Stimme zu klingen, wenn sie uns Tulliusvorlas, oder Maro oder Juvenal oder irgendeinen andern Redner, Dichter oder Histo-riker, einen Lateiner oder Griechen; denn so umfassend waren seine Kenntnisse der grie-chischen Literatur, daß man hätte glauben mögen, er sei mitten aus Athen gebürtig.So erfreute uns eine derartige Vorlesung, so nährte sie uns Hörer, so nahm sie unsereOhren gefangen, daß er alle Herzen sänftigte durch Feinheit, durch seine Urbanität undseinen Witz und daß wir uns wie auf die Inseln der Seligen entrückt glaubten. So mensch-lich aber, gütig und geduldig antwortete er allen Fragern, daß man rasch merkte,wie leidenschaftlich er alles, was er selber wußte, in die Hörer zu gießen wünschte 26 .»
Bald sollte Francesco Gelegenheit haben, sich seine humanistischenSporen zu verdienen. Das erste Ereignis seines geistigen Lebens war jaeine Anfechtung seines humanistischen Bildungsganges gewesen. Einpaar Jahre später, Barbaro hatte die Plutarchbiographien übersetzt, aufdie noch besonders einzugehen sein wird, wiederholt sich derselbe Vor-gang; man tastet den Wert seiner griechischen Studien an, so daß er sichgenötigt sieht, sie in einem langen Briefe zu verteidigen. Der Angriffkam diesmal nicht von geschäftstüchtigen, ungeistigen Handelsleuten,sondern von einem hohen venezianischen Beamten Lorenzo de'Monaci,der viele Jahre seines Lebens auf Candia als Großkanzler lebte. Ob-wohl er die meiste Zeit von Italien abwesend war und nur gelegentlich