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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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RÜGEBRIEF BARBAROS AN LORENZO DE'MONACI

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zum Urlaub ein halbes Jahr in der Heimat weilte, verlor er doch nichtdie Fühlung mit dem geistigen Leben zu Hause; er stand über Venedighinaus in Beziehung zu dem berühmten Florentiner Humanisten LeonardoBruni . Monaci beschäftigte sich mit der heimatüchen Geschichte; seineChronik ist für die Frühzeit Venedigs eine der Hauptquellen 27 .Der kretische Kanzler hatte Francescos Bildungsgang mit Teilnahmeverfolgt; er lobte die Anfänge seiner Studien und schenkte ihm eine Ilias-handschrift, die Francesco eifrig las und mit Interlinearversionen ver-sah 28 . Als er jedoch hörte, daß sich dieser und andere venezianischeNobili aus der Schule Guarinos, wie Leonardo Giustiniani , einer eigent-lichen Übersetzertätigkeit zuwandten, kamen ihm Bedenken, daß diesejungen Leute, die von Geburt zum Staatsdienst ausersehen waren, ihremBerufe entfremdet würden und daß sie ihre Zeit mit solchen Arbeiten ver-geudeten; er versuchte also, Francesco davon abzubringen und ihm dieFreude am Übersetzen zu verleiden, indem er sich geringschätzig überdas Schrifttum in griechischer Sprache äußerte. Er hatte damit geschlos-sen, Francesco solle Heber etwas Eigenes schreiben. Obwohl dieser baldgenug einer solchen Forderung gerecht wurde, so hatte doch Lorenzode'Monaci bei ihm und bei seinen humanistischen Freunden in ein Wes-pennest gestochen und ihr Teuerstes, die Griechen, angegriffen. Dasdurfte nicht unwidersprochen bleiben, und so erhebt sich der junge Bar-baro als Kämpe gegen den Widersacher der neuen Studien, die er vonGuarino als sacrum dogma tiefernst zu nehmen gelernt hatte. Es ist dieeinzige Streitschrift seines Lebens geblieben,und sie unterscheidet sich vor-teilhaft von dem üblichen humanistischen Gezänk, meist voll persönlicherVerunglimpfung der unflätigsten Art, die beizulegen und aus der Welt zuschaffen geradeBarbaro als seine vornehmste Aufgabe betrachtete. Freilichzahm ist Francescos Rüge nicht, sie zeugt trotz ihrer fein berechnendenVerhaltenheit von j ugendlich kecker Angriffslust. Zunächst macht er seineVerbeugung, die er dem höherstehenden älteren Standesgenossen schul-det, und bedankt sich für das unverdiente Lob, das ihm Lorenzo anfangsspende: «Obwohl ich im Vertrauen auf meine eigene Natur und durchdie Unterweisung der gelehrtesten Männer bestärkt, über leerem Lobe unddem gewöhnlichen Gerede stehe, so fühle ich mich doch jedesmal durchdein Reden, dein Rühmen geschmückt und gepriesen 29 . »Wenn man so den