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II BILDUNGSMÄCHTE
Anfang liest, meint man, wie wahrscheinlich der Empfänger auch, daß esehrlich gemeint ist, kennt man aber den Schluß, so ist man versucht, auchdies schon ironisch 2u nehmen. Zuerst will Francesco den unerwartetenWechsel von Lob und Tadel im Brief Lorenzos nicht ernst nehmen, denktan einen Scherz, eine rhetorische Spielerei in der Art, wie der antikeSophist Polycrates wohl den Ruhm des Sokrates schmälte und Stattseinerdas Scheusal Busiris mit Lob überschüttete. «Was ich sonst vermutungs-weise für einen Schluß ziehen soll, weiß ich nicht, besonders da du vondem hochgepriesenen griechischen Schrifttum, das ich mir anzueignensehr Mühe gebe, wie es scheint, so sprichst, als ob du wolltest, man solledaran kein Studium und keine Arbeit wenden. Du freilich hättest, wiedu schreibst, dort in Kreta schon längst Griechisch gelernt, wenn du esder Mühe wert gehalten hättest, deine Zeit damit zu verlieren.»Der ganze Brief Francescos ist, wenn er auch Längen hat, von leiden-schaftlicher Sprache erfüllt; man hört diesen Ton eindringlicher Über-zeugungskraft aus allen Äußerungen Francesco Barbaros heraus. Es folgtein humanistisches Glaubensbekenntnis zu den Griechen. Sein Ziel ist dieDurchtränkung des ganzen Lebens mit griechischer Bildung. «Ohne sie,werden wir, wollen wir nicht töricht sein, vermeinen, nicht nur über diebesten und wissenswertesten Dinge nicht gut reden zu können, sondernwerden auch zugestehen müssen, daß wir immer nur stammeln.» Dannüberschüttet uns Francesco mit der Aufzählung der Namen von 13 be-rühmten Griechen hintereinander, denen das lateinische Schrifttumnichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen hat. Er weiß die überquellendeFülle seines neuerworbenen Wissens kaum zu bändigen und wird nur da-durch ihrer Herr, daß er sich manchmal ermahnt, er müsse befürchten, daßihn der Leser zu weitschweifig fände, oder er schaltet in den stürmischenFluß seiner Beredsamkeit einen Satz ein, wie: «Warum so viel? Die Sachespricht für sich selbst und fordert keine längere Rede.» Der Wert derÜbersetzertätigkeit wird durch Vorgang und Beispiel der berühmtestenLateiner, des Cicero und des heiligen Hieronymus, bestätigt. Sogardie sagenhafte Schar der Septuaginta muß herhalten. «Glaube mir, teuer-ster Lorenzo, wenn diese Sache, die scheinbar von dir getadelt, von mirgepriesen wird, nicht großen Lobes sicher wäre (denn vernachlässigtsehen wir, was von allen mißbilligt wird), so hätten jene vortrefflichen