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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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TOMMASIS BETRACHTUNGEN ÜBER SEINE ZEIT

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Zeit, ich betrachte sie keineswegs als so vom Himmel verlassen, daß sienicht edelste Geister aufziehen könnte. Denn ich erinnere mich, daß inmeiner Jugend ein gewisser Einfluß des Himmels geherrscht hat, durchden man zahllose Poeten hervorsprossen sah; da war unser Lorenzode'Monaci... und viele andere, unter deren Leitung sehr viele blühendeJüngünge nicht nur überall in Italien , sondern erstaunlicherweise auchjenseits der Alpen Dienst taten. Alles wurde zu Versen, wurde zu ver-gilischen Versen, so daß du mit Recht gesagt hättest, nicht e i n Vergil nur,nein tausend Vergile würden auferstehen. Aber alsbald erlosch nahezudie erste Hitze mit ihren Urhebern. Außer unserm einen Losco 12 , der nir-gends eine seiner Begabung entsprechende Stellung fand, blieb aus jenenJahren nichts übrig. Dann kam eine andere Zeit, in der man sah, wie diemit dem Römischen Reich hinfällig gewordene Majestät des Sagens nachlanger Verbannung oder später Heimkehr, man möchte sagen unterCiceros Zeichen zu ihrem Sitz zurückgeführt wurde. Alles strömte vonRedekunst über, alle Städte Italiens waren von Redeübungen erfüllt, undmanche griechische Werkstatt schloss sich an. Doch irgendein plötz-licher Windstoß hat die vielen Blüten abgeschüttelt, so daß ich für dieseBeschäftigung nicht geringe Bedenken hegte. Es war zu befürchten, daßdie ungebundene Rede ebenso unglücklich zum Stillstand käme, als einstdie Verskunst, hättet ihr nicht, die ich eben nannte, durch euren Fleiß beiTag und Nacht süßeste Früchte eurer Studien gereift und dargebracht 13 .»Dies die Betrachtung eines selbständigen Mannes, der etwas ironisch vonaußen zusieht, wie die geistigen Strömungen seiner Zeit kommen undgehen, der aber auch anerkennt, wo ernstlich zugegriffen wird, damit fürGegenwart und Zukunft etwas Bleibendes sich erhält. Tommasis Jugend-zeit, für die Vergil der vorbildliche Dichter war, fällt in das letzte Dritteldes XIV. Jahrhunderts, steht also noch unter dem Zeichen Petrarcas unddessen vergilianischem Epos africa. Die Leitsterne der darauffolgendenoratorischen Epoche des Humanismus waren neben dem von Tommasierwähnten Cicero , vorzüglich in seinen rhetorischen Schriften, der schongenannte Quintilian; unter den griechischen Schriftstellern übte Plutarch den größten Einfluß aus. Berühren sich diese beiden in ihrer Einwir-kung, und welche Saiten bringen sie insbesondere in Francesco Barbaro zum Schwingen? Alle Plutarchübersetzungen ins Lateinische, die die