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IV DE RE UXORIA
Welches ist dieser neue Standpunkt ? Sein Kennzeichen ist, daß er dieAnsicht des Laien ist und artverschieden von der der Kleriker; er unter-scheidet sich aber auch von dem desTheophrast oder Cicero .Diese sprechenals Privadeute, als Einzelstehende, als Philosophen, die die Sphäre desWeibes in der philosophischen Einsamkeit ihrer Studien stört, währendalle Worte des Francesco Barbaro von dem Mitglied eines Gemeinwesens,dem Träger des Staatsgedankens, ausgehen. Hier setzt bei ihm die vene-zianische Tradition ein. Nachdem sie jahrhundertelang in der Stille vonden sich ablösenden Geschlechtern geübt worden war, wartete sie darauf,daß einer ihrer Söhne nicht nur nach ihr lebte, sondern sie auch alswirksam verkündete. Aus der ältesten venezianischen Überlieferung, ausdem Leben der Veneter der Antike macht uns eine Nachricht auf horchen 15 .Dieses Volk hatte aus Kleinasien , woher es eingewandert sein soll, eineneigentümlichen Brauch mitgebracht: bei ihm fand die Gattenwahl vonStaats wegen statt. Einmal im Jahre versammelten sich unter Aufsichtder Behörden die heiratsfähigen Jünglinge und Mädchen, und ein jederder Männer wählte nach Herzenslust das Mädchen, das ihm gefiel. Natür-lich waren die schönen Mädchen sogleich vergeben und die wenigeranziehenden blieben sitzen; aber auch für diese traf der Staat Vorsorge,indem er bestimmte, daß, wer von den Männern sich eine schöne Brautgewählt hatte, eine Abgabe zahlen mußte, woraus die Aussteuer derminder glücklichen Mädchen gebildet wurde, damit auch deren Ver-heiratung sichergestellt sei. Die Nachricht zeigt, daß in diesem Volke,das vom unteren Po bis in die Alpen seine Wohnsitze hatte, das Heiratenvon jeher nicht nur als eine Familien-, sondern als eine wichtige Staats-angelegenheit gegolten hat. Diese ursprüngliche Einstellung verstärktesich noch unter der ganz eigenartigen staatlichen Voraussetzung derNeugründung auf den Inseln der Lagune. Auch aus dem venezianischenMittelalter hören wir von den jährlich sich wiederholenden allgemeinenHochzeitstagen. Es herrschte die Sitte, die Ehen am letztenTag des MonatsJanuar einzusegnen, der der Einbringung der Reliquien des hl. Markusgeweiht war. Das Volk begab sich in feierlichem Aufzuge in die Kirchevon Olivolo, wo die weißgekleideten, mit Edelsteinen geschmücktenBräute sich versammelten, mit Kästchen in den Händen, die ihre Mitgiftenthielten. Es geht die Sage, daß einmal die slawischen Seeräuber davon