DIE VENEZIANISCHE ÜBERLIEFERUNG
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Kunde erhielten, heimlich in Olivolo Anker warfen und den Braut2ugin der Kirche überfielen und beraubten. Sie schleppten die Bräute, dieMänner und vielleicht auch den Bischof mit seinen Priestern fort. Daaber die venezianische Flotte stets bereit kg, so fuhr sie hinter denRäubern her und jagte ihnen die Beute wieder ab. Seither gedachte manan diesem festlichen Tage immer der glücklichen Befreiung der Bräute.Einer der Hauptgründe dafür, daß Barbaro nicht der asketischen Richtungdes Christentums folgen kann, liegt in den Lebensbedingungen seinerVaterstadt, mit denen er untrennbar verbunden ist. Weltflucht und Askeseentstanden im Altertum erst in Zeiten der Gesättigtheit im staatlichenLeben, in Zeiten des Hellenismus und des römischen Kaiserreiches, wodas Staatsgetriebe so ausgedehnt war, daß es die vielen Einzelnen nichtmehr so lebendig erfassen konnte, wie es früher in der griechischen Polisund der römischen Republik selbstverständlich war. Aus der Staats-müdigkeit erwuchs die Verzweiflung am Sinn des irdischen Lebens unddie Weltflucht. Alle diese Voraussetzungen waren in Venedig durchausnicht gegeben: in seinem Staatsleben glich es vielmehr den Zeiten desAufstieges und der Machtentfaltung Athens und der Republik Rom . Wolltediese Stadt während der vielen Jahrhunderte ihrer Blüte ungebrochenausdauern, so mußte sie die größte Sorgfalt auf die Erhaltung der herr-schenden Familien legen, auf die diese Stadt aristokratisch aufgebaut war.Wie es ihm der staatserhaltende Trieb Venedigs eingibt, nimmt Fran-cesco Barbaro entschieden Partei gegen die Ehelosigkeit. Bei ihm ver-fallen der Strafe und Schande diejenigen, welche ihren Bürgerpflichtenzur Erhaltung des Stammes nicht genügen. Er sucht sich daher anükeStimmen, die diese staatserhaltende Vorsorge bezeugen, und findet siebezeichnenderweise nicht unter den Philosophen, sondern bei den Ge-setzgebern. Valerius Maximus bietet ihm das treffende Beispiel: «DieZensoren Camillus und Postumius üeßen diejenigen, die bis ins AlterJunggesellen geblieben waren, als Strafe Steuern an den Staatsschatz ab-führen. Sie seien abermals strafwürdig, wenn sie sich über eine so gerechteVerfügung irgendwie zu beklagen wagten, da man sie so bescholtenhatte: Die Natur schreibt euch in gleicher Weise das Gesetz des Ge-borenwerdens wie des Zeugens vor, und da eure Eltern euch aufzogen,banden sie euch — wenn es noch ein Pflichtgefühl gibt — an die Aufgabe,