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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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ARISTOKRATIE UND EUGENIK

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auf ihn gerichtet sind in Erwartung der gewißlich erblichen Tugend.Wenn sie nicht ebensoviel taugen wie ihre Angehörigen, so merkensie an der allgemeinen schmachvollen Zurücksetzung, daß sie entartetsind. Und wie die sieggewohnten Soldaten das Gedenken an den ehe-mals erworbenen Ruhm feurig und hochaufgerichtet mutig macht, sospornt das Ruhmesgedächtnis des Geschlechtes die schon freiwillig Vor-stürmenden noch mehr an.» Wenn zuweilen noch unter dem üppigenantiken Rankenwerk der tiefste Sinn und das Ziel der Schrift DE REUXORIA verborgen Hegt, an solchen Stellen, wo Francesco Barbaro ,kaum daß er solche Fragen berührt, sich zu feurig eifernder Begeisterungerhebt, da blinkt der eigentliche Sinn seines Werkes untrüglich hervor.Er rührt hier an den Grundpfeiler seines Staates und begeistert sichdafür, daß auch auf seinen Schultern die große Tradition ruhen wird.Nicht eine Privat- oder Familienangelegenheit ist dieses Werk; es ent-faltet sich hier zum Kernstück des Staates Venedig, den Francesco mitaller seiner Kraft bejaht. Scharf durchschaut er die Eigentümlichkeitendieses hochgemuten Adelsstaates, der den aus hohem Hause Geborenenden Zutritt zu den Ehrenstellen so leicht macht. «Wer zweifelt daran,daß sie (nur vorausgesetzt, daß sie nicht in allem übrigen an VerdienstübertrorFen werden) nach allgemeinem Urteil den einfachen Leutenvorgezogen werden.» Freilich rührt hier Francesco unbewußt an denwundesten Punkt der Adelsherrschaft, und in der Tat kann hier immerdie ernsthafteste Kritik an Venedig einsetzen.

Um die geistige Art und Haltung unseres Venezianers gerade am Gegen-satz zu erkennen, ist es lehrreich, hier den größten Kritiker an derInselstadt zu Worte kommen zu lassen: Niccolö Machiavelli in seinenD1SCORSI. Machiavelli schrieb gerade hundert Jahre später unter demEindruck des eben beendeten Krieges der Liga von Cambrai , wo sichfast alle Großmächte: Kaiser, Papst und die Könige von Frankreich undSpanien, gegen die in Italien zu weit um sich greifende Macht der Repu-blik Venedig verschworen hatten. Mit knapper Not war sie an der Ver-nichtung vorbeigekommen und erlitt schwere Einbuße. Ganz Italien war damals gegen Venedig eingenommen und faßte die Demütigungder Stadt als gerechte Strafe des Himmels für den Hochmut auf. Nachlanger Bundesgenossenschaft zur Zeit Barbaros hatten sich Florenz und