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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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IV DE RE UXORIA

so herrlichen Staat übernommen haben, stimmten alle bis auf den letztenMann darin überein, daß bei der Förderung, Gestaltung und Mehrungdes Vaterlandes nicht auf den Nutzen und die Ehren des Einzelnen Rück-sicht zu nehmen sei.» Das ist die Selbstrechtfertigung der mit gutemGewissen und Erfolg durchgeführten und bewährten aristokratischenRegierungsform, aus der die Auffassung der Ehe und ihr Einbau indas Staatsganze für Barbaro erwächst.

Wie können Staatsdenker vom Rang eines Machiavelli einerseits, einesBarbaro und Contarini andererseits zu so verschiedenen Ergebnissen dergeschichthchen Betrachtung gelangen ? Dies rührt nicht allein von derVerschiedenheit der Zeit her, sondern liegt tiefer im menschlichen Schick-sal begründet. Erst wenn wir erkannt haben, welche Bahnen ein gütigesoder versagendes Geschick den Sprecher geführt hat, können wir auchverstehen, warum er so spricht. Welchen Einfluß übt aber die ver-schiedene Lebenslage bei Machiavelli und bei Francesco Barbaro aufihre staatsmännischen Ansichten aus? Zum Teil zeigt das schon dieAuswahl der Beispiele, die beide aus dem Altertum treffen. AuchBarbaro sucht die Vorbilder der republikanischen Römerzeit , dochfindet er in der römischen «virtus» die sittliche Grundkraft, die Machia-velli geflissentlich beiseite läßt, um bei den Römern nur die politischeEntschlußkraft als wirksam anzuerkennen. Deshalb sucht sich der einevorzüglich Zensorenedikte und der andere Staatsaktionen aus derrömischen Überlieferung heraus. Eine solche Auswahl geht bei beiden aufverschiedene miteinander unvereinbare Eigenschaften und Geschickezurück. Charakter und Schicksal entsprechen sich sichtlich bei Machia-velli . Das Bild, das die Geschichte von ihm auf Grund seiner Schriftenund Briefe bewahrt hat, zeigt den reifen Mann nach der großen Staats-katastrophe, die seine Beamtenlaufbahn mitten im Leben abbrach. Manhat gesagt, daß erst diese erzwungene Muße ihn zu seiner großen Schrift-stellerei, gleichsam zu einem versetzten Tätertum getrieben habe, ähnlichwie Cicero in den Unruhen des Bürgerkriegs zur Philosophie greifenmußte und wie Thukydides sich zur Geschichtsschreibung wandte, weiler als athenischer Nauarch mit der Flotte einen Tag zu spät vorOlynth erschienen war und deshalb bei dem Demos in Ungnade fiel. Beiallen diesen Dreien zeitigt ihr Charakter ihr Mißgeschick, und will man