Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
75
Einzelbild herunterladen
 

STAATSAUFFASSUNG IN FLORENZ UND VENEDIG 77

dies als Unglück bezeichnen, so gehört zu ihrem Charakter auch, daßgerade ihnen dies widerfuhr und nicht ihren glückhafteren Zeitgenossen:Perikles , Caesar oder Guicciardini. Ihr Leben war unbestreitbar in derMitte gebrochen, und im Grunde haben sie diesen Bruch nie verwunden,wenn sie auch als ehrfurchtgebietende, starke und zäh ausdauerndeMänner der Mißgunst des Schicksals ein Trotzdem entgegensetztenund vielleicht Größeres schufen, als sie es sonst vermocht hätten. Aberder Bruch wirkt durch all ihr Schaffen durch: ihre Unbefangenheit istunwiederbringlich zerstört. Es krampft sich etwas in ihnen zusammen,sobald sie zurückdenken an ihr verlorenes Leben der Tat. Und wennMachiavelli zurücksah, so sah er zertrümmerte Hoffnungen nicht nurseines eigenen Lebens, sondern auch seines Staates, seiner RepublikFlorenz , der er gedient hatte und die nun wieder unter die Tyrannis derMediceer gefallen war. Wenn er in die Zukunft vorausschaute, so sah sienoch dunkler aus: ein zerrissenes Italien , auf Jahrhunderte noch unterden Tritten fremder Eroberer. Er konnte sich in seiner Gegenwart annichts Gewachsenem mehr halten, weil alles Gewachsene ringsum ver-rottet war. In dieser fürchterlichen Lage, die ihn sein scharfes Augeerbarmungslos durchschauen ließ, brach er nicht zusammen, aber diesLeid des Wissens und Nicht-handeln-Könnens verkümmerte ihm dieletzten Triebe des menschlichen Herzens. Es blieb nur noch die harte,nüchtern-grausame Staatsdoktrin, die ihm allein die Rettung aus derWirrsal der Gegenwart schien. Auf sie richtete er sein Auge so scharf,daß alles andere daneben für ihn versank. So freilich konnte er immernur Teilhaftes bilden! Er löste die Listen und Tücken der römischenStaatskunst aus der römischen religiösen Gebundenheit los, machte siezum Rezept, das wie Gift wirkte und viel Unheil schuf. Sein Un-glück war, daß er entwurzelt wurde, weil der Boden der Vaterstadt zumürbe geworden war und ihm keinen Halt mehr bot. Sein gewaltigerGeist suchte für das sieche Vaterland neue Kräfte aus dem römischenBoden zu saugen, doch durch die Not der Stunde drang er nicht mehrbis zu den nährenden Säften des Wachstums der Völker vor.Wenn wir hier vom Jahre 1415, dem Brennpunkt unserer Betrachtungen,ausgehend den Horizont in die heraufkommende Zeit hundert Jahrehinausgedehnt haben, so sei es auch vergönnt, hundert Jahre in die