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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
77
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LEBENSGESCHICKE UND STAATS AUFFASSUNG 79

auf das entartete Römertum der Spätantike zurückzuführen, dessen letzterAdel mit Boethius und Symmachus erlosch. Doch davon haben dieItaliener zu allen Zeiten nichts wissen wollen. Über diesem für ihn nieerlöschenden Gefühl zum heimatlichen Boden und dem edlen Stamme,dem er dort entsproß, baut sich bei Dante die kosmopolitische Reichs-verbundenheit auf, in der sich Kaiser und Papst in die jedem vonihnen zukommende Macht teilen und irdisch-überirdisch die Welt be-frieden. Man hat eingewandt, daß dies die niemals in höchstem Einklangerreichte Lösung der mittelalterlichen Vergangenheit war und daß dieZukunft eher der machiavellistischen Lösung zureifte, die nur festzu-stellen strebe, wie ein Staat zur Macht kommt und sich darin erhält, diebewußt und entschlossen in Staatsdingen alle Metaphysik über Bordwirft und sich nur an die «nackte Wirklichkeit» hält. Das konnte aberimmer nur eine Teillösung sein, weil eben die nackte Wirklichkeit nichtdas Ganze ist, und weil ihren Anhängern die Feinfühligkeit fehlt, diegeheimen und verborgenen Kräfte der Gotteswelt zu spüren, die mannicht ungestraft vernachlässigt.

Wie steht nun zwischen diesen gewaltigen und ragenden Horizontenin der zeitlichen Mitte der stolz-bescheidene venezianische Jünglingund sein Werk ? Das Schicksal, das seine Gaben ungleich verteilt, hatFrancesco besonders gütig bedacht, und zwar mit den Gaben, die esden beiden Großen versagte. Wenn wir auf seine Jugend zurückblicken,so hat sie der Glückliche im dolce ovile, «im süßen Schafstall», ver-lebt, gehegt und geliebt von seinen großen Freunden, die ihn belehr-ten, und er ist nie daraus vertrieben worden. Sein Leben ist geradlinigvon Geburt zu Tod. Wenn Machiavelli der Boden unter den Füßenwankte und er mit der florentinischen Verfassung stürzte, so bliebsolch herbes Unglück dem Francesco Barbaro erspart. Er wurzelt festin seiner glorreichen Vaterstadt, die schon viele Jahrhunderte alle wech-selnden Schicksale des übrigen Italien unverändert und unbeeinträch-tigt überdauerte. Über sein helles Auge ist noch nicht der Schatten derEnttäuschung gezogen. Seine Unbefangenheit wurde ihm noch nichtvergällt. Darum ist sein Jugendwerk so einzig, weil ihm aller Kummerfehlt, steht doch die mächtige Republik schützend und alle Unbillabwehrend hinter ihren Söhnen.