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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
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IV DE RE UXORIA

DE RE UXORIA ist ein Erstlingswerk mit unangetastetem Schmelz. Wirhören da ganz harmlos und selbstverständlich die vornehmen Jünglingeaus ihren Adelsinstinkten sprechen. Wohl ist im weiteren Leben Barbarosviel ungewöhnlich hochstrebendes Tun, doch sprengt er nicht als ein-zelner die Grenzen seines Standes, sondern hebt seinen ganzen Stand mitsich empor. Derselbe venezianische Stamm hat in tausendjähriger Blüteviele edle Triebe gezeitigt. Eben dies ist das Beglückende, daß Barbaro nicht vereinzelt dasteht. Ein Vorläufer von ähnlich edler Menschenbildungwar Zaccaria Trevisano; Francesco Barbaro ist dann der erste vom neuenGeiste des Humanismus ganz Durchdrungene; er leitet die Schar der edlenVenezianer der Renaissance, deren weltgeschichtlich am meisten hervor-tretende Gestalt der schon genannte Kardinal Gasparino Contarini ist,das Haupt der Versöhnungspartei in den Reformationswirren.Durch den Gegensatz zu Machiavellis Einstellung werden wir aufs neue aufdie Verschiedenheit ihrer Herkunft verwiesen. Die Grundlagen sind hierdie florentinische Demokratie, dort die venezianische Aristokratie.Machia-velli und Barbaro sind beides staatliche Menschen, Männer, die alsovor allem die Wohlfahrt des Staates im Auge haben. Um dieses Ziel zuerreichen, geht der eine ganz a-moralisch, macht-technisch vor, derandere stützt sich auf eine Staatsethik. Um die verschiedenen aristo-kratischen und demokratischen Grundsätze zu erkennen, bietet sich alsgemeinsamer Boden das Ausleseprinzip. In der Demokratie erwartetman, daß sich aus der ganzen Breite der gleichberechtigten Bürgerschaftdie für die Staatslenkung notwendigen Männer von selber erhebenwerden. Auf dieser unausgesprochenen Voraussetzung baut Machiavelli sein Staatsgebäude gleichsam erst vom ersten Stockwerk an. Seine einzigeFrage ist eben, wie der Machthaber zur Macht kommt und wie er sichdarin erhält; was das für ein Mann ist und woher er kommt, wirdvon der demokratischen Einstellung Machiavellis außer acht gelassen.Das einzige Erfordernis ist die Tätertugend, die blitzschnelle Ent-schlußkraft zum Handeln. Demgegenüber verfährt die Aristokratie vielsparsamer mit ihrem Menschengut und sucht, wie in Tier- und Blumen-zucht, die eigene Art zu veredeln. In neueren Zeiten würde den An-sprüchen Francesco Barbaros wohl am ehesten die englische Aristo-kratie gerecht geworden sein. Nun richten sich von jeher die Angriffe der