Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

ARISTOKRATIE UND DEMOKRATIE

81

Demokraten nur gegen einen überalterten Zustand der Aristokratien,wo diese ihren eignen Grundsätzen der Auslese selbst untreu werden.Nämlich dann, wenn ihr junger Nachwuchs, anmaßend, frech unduntüchtig geworden, nur auf seine ererbten Ansprüche pocht, wozuihn weder seine entartende Gestalt noch seine Leistungen mehr berech-tigen. Dagegen empört sich das Volk unter neuen Führern und zer-bricht die hohlen Schalen und leeren Gehäuse, aus denen Kraft undMark geschwunden sind. Keine Aristokratie ist in der Vollkraft erlegen,und die Zeit, da die venezianische Aristokratie von der Weltbühne ab-treten mußte, kam erst, als sie von Napoleon geschlagen wurde, weil sievon unzeitigem Befreiungstaumel ergriffen ihn zu ihrem Verderben ver-riet und ihm in den Rücken fiel, obwohl er sie vorher gewarnt hatte.Aber bis dahin verstreichen seit Francesco Barbaros Geburt 400 Jahre.Zu seiner Zeit steht der Stamm noch in vollster Kraft und erwehrtsich lange unverändert der äußeren und inneren Gefahren. Barbarozeigt uns eine Aristokratie auf ihrem Höhepunkt, und mag auch dieRepublik von ihren Feinden als verschlagen und hinterlistig verschrieensein, er legt anderes Zeugnis von seiner Vaterstadt ab und hat auchin seinem späteren Leben gehalten, was man sich nach seinem Erstlings-werk von ihm versprechen konnte. Mögen diese Männer, wie wir siespäter von Tizian gemalt sehen, nach außen hin kühl und unnahbar ge-wesen sein, mit einem Würdegefühl, das dem spanischen «sosiego» nahewar, hier in DE RE UXORIA sehen wir in den inneren Aufbau ihreshäuslichen Lebens, in eine lebendige und immer aufs neue an Hand vonPlutarch und Quintilian auf ihre Grundlagen hin durchdachte Sitte. Dieseihm vertrauten Wortführer des späteren Altertums kamen seinen aus dervenezianischen Sitte erwachsenen Anschauungen über die Ehe entgegen.

Barbaro ist in seinem Jahrhundert nicht der erste und nicht der letzte, derüber den Ehestand schreibt. Sein Werk ist der Hauptsproß eines eigenenLiteraturzweiges und leitet die damals vielgeübte Gattung der Hochzeits-schriften ein. Diese haben alle die Ehe und deren vornehmste Aufgabe,die Erziehung des Nachwuchses, zum Gegenstand; so gehören sie imweiteren Sinne zur pädagogischen Literatur, in der das XV. Jahrhundereinige bedeutende Leistungen aufzuweisen hat. Barbaros Werk deckt sich