KARD. JOH. DOMINICIS ERZIEHUNGSLEHRE 83
immer Dinge, die unleidlich sind und den Tadel verdienen, an. Imübrigen verschwindet bei ihm in den wesentlichen Fragen der Unter-schied von Altem und Neuem, und er eint das frisch Aufkeimendemit dem überkommenen Erbe der Vorväter, während der andere nurdas Lamento des Pfaffen anzustimmen weiß: «Wie erleuchtet findenwir unsre Vorfahren», sagt Dominici, «in dem Unterricht der Jugend.Die neue Zeit dagegen ist blind geworden und erzieht ihre Kinderohne Glauben. Zuerst Heß man die heilige Geschichte und den Psalterlernen... diese und ähnliche Bücher enthielten keine Gefahr. Jetztdagegen wird die Jugend modern erzogen, und die abtrünnige Naturwird wieder altheidnisch im Verkehr mit den Ungläubigen mitten unterunehrbaren Dingen, welche zur Sünde reizen, bevor die Fähigkeit zurSünde da ist.» Vor Dominicis Augen findet keiner der antiken Schrift-steller, weder Ovid noch Vergil, Gnade, weil in beider Werk zuviel Un-sittliches vorkommt. «Das Schlimmste aber ist, daß der überaus zarteSinn der Jugend mit einer Art religiöser Verehrung und Hochachtungvor den falschen Göttern erfüllt wird.»
Fast alle Humanisten haben sich gegen diese religiöse Engstirnigkeit zurWehr setzen müssen. Ich erwähne nur Leonardo Brunis DE STUD1ISET LITTER1S, ad dominam Baptistam de Malatestis (ca. 1425) 21 . Brunifindet im Gegensatz zu den Verdächtigungen bei den heidnischen Dich-tern: maxima documenta uxoriae disciplinae, höchste Zeugnisse derEhezucht. Bruni führt eine geschickte und ironische Verteidigung; erbezeichnet die unsittlichen Liebesabenteuer der heidnischen Götter als«res fictae», Erdichtungen, an denen man nur die Darstellungskunst zubewundern habe, während doch die gegen die Sittlichkeit verstoßendenGeschichten des Alten Testaments , also der Heiligen Schrift, wie etwadie Erzählung von den Töchtern Lots, sich wirklich zugetragen hätten.Während sich Bruni noch verteidigt, treffen Geschosse der Art, wie sieDominici schleudert, einen Mann wie Barbaro nicht, der unerschütterlichseinen christlichen Glauben stets mit der Huldigung vor dem Altertumzu verbinden wußte. Lebenspessimismus und Lebensoptimismus als ver-schiedene Ausgangspunkte, die wir schon bei Augustin gegenüber Bar-baro feststellen konnten, zeigen auch bei Dominici den schärfsten Gegen-satz zwischen der asketisch-christlichen und der antik-humanistischen