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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
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IV DE RE UXORIA

Haltung. Das Christentum des Dominici ist tief vom Mißtrauen gegen diemenschliche Natur durchdrungen: Der Mensch ist böse von Natur. Vonfrüh an hat die bigotte Erziehung Furcht vor sittlicher Entgleisung derKinder. Aus Dominicis Worten spricht nur eins: die Angst vor dem Leibe.Geradezu unsauber wird es aber, wenn er sich nicht scheut, selbst dieMutterliebe zu verdächtigen: «Auch sollst du weit entfernt davon sein,zu meinen, du dürftest das Kind dann noch weiter umarmen und küssenund ihm schöntun, wenn es etwa das 25. Jahr überschritten hat. Dennangenommen, es habe bis zu fünf Jahren auch keinerlei sinnliche Ge-danken oder Regungen, so gewöhnt es sich bei solcher Behandlung andie Liebkosungen, durch die es später, weil das Schamgefühl nichtentwickelt ist, ohne Vorsicht leicht zu Falle kommt. Darum mußt dubei den Knaben nicht weniger darauf achten, daß sie ehrbar und scham-haft überall bekleidet sind, als bei den Mädchen. Was aber der weiseMann im Buch Ecclesiasticus sagt: Der Vater soll seine Töchter nicht mitzärtlicher Freundlichkeit anblicken, damit sie nicht von Zuneigungzum Antlitz der Männer ergriffen werden, das lege ich dir bezüglichdeines Sohnes ans Herz. Willst du ihn für Gott erziehen, so zeige ihmdein Gesicht nicht so, daß er von Frauenliebe ergriffen werde, bevor erweiß, was das sei.» Wer so eingestellt ist, der schnüffelt überall nachUnsittlichkeit und legt auch Bibelstellen, die etwas anderes bedeuten,seinen aberwitzigen Verdacht unter. Der Sinn der Stelle aus Jesus Sirach ist verfälscht. Dort (7, 26) steht in der Vulgata: Filiae tibi sunt? Servacorpus Ülarum et non ostendas hilarem faciem ad illas. Also nichts vondem Zusatz des Dominici: damit sie nicht von der Zuneigung zumAntlitz der Männer ergriffen werden, sondern der Sinn der Stelle isteinfach der: Wenn die Töchter ein lockeres Leben führen, so soll derVater nicht dazu lachen, sondern ihnen ein strenges Gesicht zeigen.Man vergleiche, welche Aufgabe Barbaro den Müttern bei der Er-ziehung ihrer Kinder stellt, er, der durchaus keine heidnisch-unchrist-lichen Neigungen hat, sondern sein Lebtag ein gläubiger Katholikgewesen ist. Während in der bigotten Erziehung des Dominici alles aufdie Verhütung einer freieren Regung in den Kindern angelegt ist, tau-senderlei Verbote ausgesprochen werden und als Haltung dem Zöglingnur die dumpfe Demut unter der geistlichen Aufsicht gelassen wird,