BARBAROS FREIERE STELLUNG
85
■während von dieser Seite immer nur ein: Du sollst nicht! ertönt, sinddie lebenaufbauenden Worte des Francesco Barbaro immer von einembejahenden: Du sollst! erfüllt, mit dem er selbst als erster Ernst macht.Im letzten Kapitel seiner Schrift handelt er von den Erziehungspflichtender Mutter. Er stellt sich die Frage, wie so geartete Eltern, deren Wesenund deren Pflichten er in seinem Buche auseinandergesetzt hat, ihreKinder erziehen müssen, und andererseits, wie Knaben sich entwickelnsollen, um wiederum die Stufe ihrer Eltern zu erreichen: «Wenn dieKleinen aus den Kinderschuhen heraus sind, müssen die Mütter Ver-stand, Mühe und Sorgfalt darauf verwenden, daß die Kinder an Gabendes Geistes und Leibes hervorragen. Zuerst sollen sie ihnen Ehrfurchtbeibringen vor Gott selbst, dem Unsterblichen, vor dem Vaterland undvor den Eltern, damit sie sich von den ersten Jahren an gewöhnen, vonder Tugend zu kosten, die die Grundfeste aller andern ist. Nur dann,wenn sie zur besten Hoffnung Anlaß geben, weil sie Gott fürchten, denGesetzen gehorchen, die Eltern ehren, dann werden sie auch gegenÄltere ehrerbietig, mit Altersgenossen umgänglich, Jüngeren gegenübermenschlich sein 22 .» Bei unserm Humanisten ist alles klar, freimütig undursprünglich, seine schönen Worte von der Ehrfurcht berühren sich nahmit denen eines andern Großen, der auch auf die Ursitte zurückgriff:Goethes in der Pädagogischen Provinz. Die Ausdeutung der drei Artenvon Ehrfurcht mag verschieden sein, aber die erste Grundforderung derErziehung bleibt durch alle Zeiten die gleiche, und sie offenbart sich in der-selben Weise allen tiefer Schürfenden, so sehr auch im heimlich-verlognenund im lauten flachen Leben ihr zuwidergehandelt wird. Goethes Wortelauten: «Wohlgeborene, gesunde Kinder bringen viel mit; die Natur hatjedem alles gegeben, was er für Zeit und Dauer nötig hätte; dieses zu ent-wickeln ist unsre Pflicht, öfter entwickelt sich's besser von selbst. Abereins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles an-kommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei: ... Ehr-furcht. .. Allen fehlt sie, vielleicht euch selbst.» Insbesondere rät Bar-baro: «Mäßigung in Speise und Trank sollen die Mütter die Kinderlehren, daß damit gleichsam der Grundstein der Selbstbeherrschung fürdas künftige Leben gelegt ist. Sie sollen sie ermahnen, jene Lüste zu fliehen,die irgendwie mit Schande behaftet sind. Auf diejenigen Studien sollen sie