86
IV DE RE UXORIA
Geist und Überlegung lenken, die durch großartige Taten Ehre, Nutzenund Freude verleihen. Wenn die Mutter ihre Söhne so aufziehen konnte,werden sie bei weitem besser zum Lernen vorbereitet.»Dieser Erziehunghegt ein heldischer Geist zugrunde, jener andern ein pfäffischer 23 . ObBarbaro die italienische Schrift Dominicis gekannt hat, wissen wir nicht.Anders ist es mit dem in der gleichen Zeit (1402) entstandenen Buche desPier Paolo Vergerio, das Barbaro in vielem als Vorbild diente, und dessenVerfasser später De re uxoria günstig aufnahm. Vergerio ist Venezianer,aber nicht aus der Hauptstadt, sondern aus Capo d'Istria gebürtig, dasden Venezianern Untertan war 24 . In seiner Heimat, einem ungeistigenBoden, fand er keine Wirkungsstätte. Er wanderte nach Toscana hinüberund studierte in Florenz bei dem berühmten Lehrer des kanonischenRechtes Zabarella. Vergerio trat in die familia spiritualis des Kardinalsein und begleitete ihn bis zuletzt auf allen Reisen. Auch mit ManuelChrysoloras verband ihn eine Freundschaft, von der noch erhalteneBriefe Kunde geben. Die beiden Meister und Freunde starben kurz nach-einander auf dem Konstanzer Konzil , wo Vergerio sie beweinen und zuGrabe tragen mußte. Seine Erziehungsschrift ging aus Beziehungen zumFürstenhause der Carrara zu Padua hervor. Er war dort während der letztenKämpfe dieses Geschlechtes gegen die Übermacht seiner Nachbarn, baldgegen die Visconti in Mailand , bald gegen das noch nähere Venedig, dasschließlich Padua eroberte und alle Glieder der Familie Carrara , soweit esihrer habhaft werden konnte, hinrichtete. Einen Sproß dieser Familie,Ubertino, hatte Vergerio zu erziehen. Auch der ging bei dem Sturze seinesHauses zugrunde, zwar endete er nicht wie seine Verwandten gewaltsamin Venedig, sondern starb an gebrochenem Herzen in der Verbannung baldnach der Katastrophe. Vorher aber hatte er in seinem kurzen Leben vollerErwartungen einen glänzenden Aufstieg genommen und schon als Jungeheldenhaft an einer Schlacht bei Brescia, in der der deutsche König Ru-precht von der Pfalz durch den Herzog von Mailand besiegt wurde, teil-genommen. Diesem Ubertino da Carrara widmet Vergerio sein Werk überdie Erziehung. Es besteht aus zwei Teilen: DE 1NGENU1S MORIBUSundDE LIBERALIBUS STUDIIS 25 . Vergerio ist damals schon 3 2 Jahre alt, sodaß sein Werk ein Zurückschauen auf eine Jugend ist, deren Erfahrun-gen, was Sitte und Studium betrifft, er dem jungen Freunde übermittelt.