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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
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IV DE RE UXORIA

erkennen glauben. Vergerio undBarbaro sind von einer Welle getragen,die dann später in Baldassare Castiglione und seinem Werke IL CORTI-GIANO ihren Höhepunkt in Italien erreicht und jahrhundertelang fürdie Prägung des Menschenbildes Weltgeltung erlangt hat, wie sich be-sonders in Frankreich nachweisen läßt.

Dies sind die hauptsächlichen Vorläufer Barbaros; aber damit hört esnicht auf, da der Strom durch ihn weiterfließt. Sein Werk hat eine starkeunmittelbare Wirkung ausgeübt, auch jenseits der Grenzen; in unsermVaterland kann dies besonders deutlich verfolgt werden. «Das bahn-brechende Buch auf unserm Gebiete, sagt ein Beurteiler der Schriften überdie Ehe 28 , ist erst das 1415 geschriebene Buch DE RE UXORIA des Fran-cesco Barbaro . Die Schrift hatte einen glänzenden Erfolg und machte denjugendlichen Verfasser über Nacht zum berühmten Mann. Neu war dieganze Materie allerdings nur, insofern die Humanisten die scholastischeLiteratur als nicht vorhanden betrachteten, überhaupt neu aber, was dieArt der Behandlung anbetrifft... Der wesentliche Fortschritt gegen-über den Griechen (auf die zurückgegriffen wird) besteht darin, daßder Frau unter dem Einfluß römischer, christlicher und mittelalterlicherAnschauung menschlich eine weit höhere Stellung zugewiesen wird, alssie in Hellas einnahm. In der RES UXORIA sind Themata, die in der Ehe-literatur bisher nie behandelt waren. Indem Barbaro die kretische Sitte, daßdie Brautleute sich erst in Liebe erproben, als empfehlenswert hinstellt,vereinigt er zum ersten Male prinzipiell Liebe und Ehe, die das Mittel-alter zu einer edleren Auffassung der Ehe nicht hatte kommen lassen.»Kaum war das Buch erschienen, so wurde es nach Konstanz , wo dasKonzil tagte, geschickt, damit sich dort die auserwähltesten Geister, dieItalien zum Konzil geschickt hatte, daran erfreuten. Chrysoloras wardort wohl schon gestorben, aber Zabarella, der die größten Aussichtenhatte, aus dem Konzil als Papst hervorzugehen, lebte noch, wenn erauch krank war und in Konstanz 1417 starb. Da er nicht mehr ausgehenkonnte, suchte ihn Vergerio auf und fand ihn beim Lesen des neuenBuches. Gleich lieh er sich's von dem Kardinal aus und schrieb in seinemfrischen Eindruck, spürte er doch in Barbaro einen Geistesverwandten:«Nicht genug kann ich mich darüber wundern, daß jetzt ein in Heirats-dingen noch unerfahrener Jüngling so gelehrt und reich an Gedanken