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IV DE RE UXORIA
mit Blicken, die ganz zum Mittelalter gewandt waren. Zufällig ist eshier eine gebürtige Venezianerin, die in Paris das Wort ergreift: Chri-stine de Pisan 38 . Sie war aber bald nach ihrer Geburt im Jahre 1363nach Bologna und dann mit ihrem Vater zu König Karl V. nach Paris gekommen. Der Vater, der den astrologischen Neigungen des weisenfranzösischen Königs entgegenkam, war ein sehr gebildeter Mann, denauch nach seinem Eintritt in die französischen Dienste die RepubükVenedig als ein Mitglied ihres großen Rates nicht förmlich aus ihrenDiensten entließ. Die Tochter wurde ganz Französin; nachdem sie kurzhintereinander die ihr nahestehenden Männer verloren hatte, ihren König,ihren Vater und ihren Gatten, erwuchs aus trauernder Einsamkeit ihrDichtertum und ihr Mut, sich gegen die Verunglimpfung des weiblichenGeschlechtes öffentlich zur Wehr zu setzen und im Angriff gegen denschon 100 Jahre früheren Jean de Meung , der durch sein bekanntes Werkeine ausgesprochene Frauenfeindlichkeit verbreitet hatte, die berühmteQuerelle du roman de la rose zu entfesseln.
Ebensowenig hören wir, daß man das Buch und seine Nachahmer in Eng-land kannte, obwohl dahin die Kunde sicher von zwei namhaften Freun-den Barabaros gebracht worden ist. Poggio und der päpstliche Kollektorfür England Piero del Monte hielten sich beide während einiger Zeitdort auf und traten mit den englischen Gelehrten in Verbindung. Alssich dann ein Jahrhundert später Thomas Morus mit Ehefragen beschäf-tigte, tragen diese ein so anderes Gepräge, daß man daraus kaum aufeine Bekanntschaft mit Barbaros Werk schließen darf. Morus ermahnt inseinen Epigrammen einen jungen Lord zum Heiraten mit ganz ähnlichenGründen wie später Shakespeare in der ersten Reihe seiner Sonette.Weit ist diese Zeit abgerückt von der Ehefeindschaft des geistlichen Mit-telalters, am meisten in der Ansicht über die Stellung der Frau. Nur eineklassisch und besonders auch musikalisch gebildete Gattin dürfe sichder Lord auswählen, verlangt Morus 39 . Von ihm überträgt Erasmus vonRotterdam diesen Literaturzweig nach Deutschland .Aber dort war durch das Lebenswerk des Bamberger Domherrn Albrechtvon Eyb schon längst eine unmittelbare Verbindung mit den italieni-schen Ursprüngen hergestellt. Wir können dank einer vortrefflichen Un-tersuchung 26 im einzelnen beobachten, wie das humanistische Gut der