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recht sein werde, und auch Niccoli sei durch dringende Familiengeschäfteverhindert. — Venedig vermittelt für Italien und das übrige Abendlandalles, was den Orient angeht. So verbreitet sich in Florenz einmal dasabenteuerliche Gerücht, daß der Tartarenkhan zum christlichen Glaubenübergetreten sei, und Traversari fragt sogleich bei Barbaro an, ob er inVenedig etwas Näheres darüber gehört habe 16 . Im Jahre 1430 bekümmertsich Traversari um den erkrankten Freund mit sorglichen Worten. Späterfließen die Nachrichten über ihre Beziehungen spärlicher. Beide sind inhöhere Berufsstellen aufgerückt, und es bleibt ihnen für die humanisti-schen Studien keine Zeit und Muße mehr wie in früheren Jahren.Traversari, jetzt General seines Ordens, hatte Visitationsreisen in die ihmunterstellten Klöster zu machen, eine Aufgabe, die durchaus nicht immererfreulich war. Er selbst hat über eine dieser Reisen im Jahre 1433 einTagebuch geführt, und wir erfahren daraus von manchen zuchtlosenKlöstern in Venedig und unendlichem Mönchsgezänk. Ein Lichtblickwaren die kirchlichen Feiern, die zu seinen Ehren veranstaltet wurden,vornehmlich aber ein Besuch, den ihm in Venedig die alten Freundemachten. In diesemTagebuch mit dem griechischen Namen Hodoeporicongibt er ein anschauliches Bild seines 40 Tage dauernden venezianischenAufenthalts: «Dort wurden wir nach altem Brauch mit einer Prozessionempfangen und in die Kirche (San Michele) geleitet, dort wurde uns unterWahrung des ganzen Ritus von allen das feierüche Gehorsamsgelübdegeleistet. Mit welcher Hingabe, welcher Ehre wir von der ganzen hei-ligen Kongregation aufgenommen wurden, wer könnte es erschöpfendbeschreiben ? Hier besucht uns auch eine große Schar uns sehr befreun-deter Adliger, und in ihrer Verehrung wetteifernd nahmen alle sich unseran. Francesco Barbaros Liebe ragte hervor, die Leonardo Giustinianissowie die seiner Brüder Marco und Lorenzo, alles Leute höchster Würde,und auch die von Leonardos jungem, ansehnlichen und gelehrten SohnBernardo 16 .» Dies sind die Vornehmsten des venezianischen Kreises, dieuns später noch eingehender beschäftigen werden. In Venedig ist die Si-gnorie wichtiger als der Doge. Deshalb schlagen dem Kamaldulenser dieortskundigen Freunde vor, seinen offiziellen Besuch zuerst bei dem kleinenRat zu machen, dann wird er erst vom Dogen empfangen: «Nachdemwir dies am Tage nach unserer Ankunft erledigt hatten, empfing uns der