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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
109
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LEONARDO ARETINO BRUNI

III

hineingezogen. Benvenuta, von Poggio noch freundlich die Sibylle ge-nannt, die all den Unfrieden gestiftet habe, während Bruni ihren Namenärgerlich ins Gegenteil«Malvenuta»verkehrt, scheint ein arges Lästermaulgewesen zu sein, die es mit Verleumdungen besonders auf ihre Schwäge-rinnen abgesehen hatte. Hierüber erbosten sich die fünf Brüder Niccolisso sehr, daß sie sich zusammenrotteten, ins Haus ihres Bruders drangen,die Frau von seiner Seite wegrissen, auf die Straße zerrten und sie nachaltem Brauch, wie man Buhlerinnen behandelte, unter lauter Zustim-mung der Nachbarn, die von dem Schauspiel sehr belustigt waren, ab-straften (natesque nudatam loris usque ceciderunt). Niccoli aber schloßsich tagelang ein, da er die angetane Schmach nicht verwinden konnte.Er benahm sich, als ob sein Vater erwürgt worden wäre, und sagteden Leuten, die ihn zu trösten kamen, er warte auf den Untergang vonFlorenz , denn andere Städte seien schon um geringeren Frevels willenvernichtet worden. Aber der Erfolg war, daß die spottlustigen Floren-tiner erst recht lachten und der Ingrimm Brunis, der sich fernhielt, demaber die Stadtneuigkeiten alsbald zu Ohren kamen, wuchs. Es schienihm, daß das Dekorum des Gelehrten verletzt und der ganze Huma-nistenstand herabgesetzt sei. «Denn, fährt er fort, wundern wir uns dannnoch, wenn das Volk auf die Meinung kommt, daß die den Studien Er-gebenen nicht an Gott glauben, noch ihn scheuen?» Hier rührt Bruni an eine für den Humanisten besonders wichtige Auf-gabe: ihr Wort und ihre Tat in Einklang zu bringen. Man hat häufigden Vorwurf erhoben, daß diese von ihnen nicht erfüllt würde, und esist deshalb oft über den Humanismus im ganzen der Stab gebrochenworden. Indes, wenn man ihre Schriften und Briefe daraufhin überprüft,so bemerkt man ein stetes Ringen um diese Hauptfrage. Sie sind weitdavon entfernt, sie unberührt zu lassen: zu ernst sehen wir diese Men-schen an ihre Studien als an «die heilige Lehre» glauben. Das Gebot, nachdem sie strebten, stand ihnen immer klar vor Augen, wie es etwa Poggioin der schon erwähnten Grabrede für Niccoli umschreibt: »Da er durchdie Winke der Philosophie nicht so sehr zum Sich-Versenken als zumHandeln unterwiesen worden war, so hielt er diejenige für die besteNorm des Lebens, die ihm Muße zum Studium verschaffte und wederdem Reichtum noch dem Ehrgeiz frönte.» Diese Norm zu erreichen,