Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
112
Einzelbild herunterladen
 

114 v BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN

waren. Wenn sie eine Weile sich so beschäftigt hatten, trat er zu jedemeinzelnen und erkundigte sich, was er gelesen hätte. Dadurch war danneine fruchtbare Anknüpfung des Gesprächs gegeben und seichtere Unter-haltung ausgeschlossen. Ähnlich rühmt Poggio in der Grabrede 19 : «Washat er in unserer Wissenschaft für Nutzen gestiftet, wieviel uns, wie-viel einem jeden einzelnen, der von Lerneifer ergriffen warl Nichtnur als Mahner, sondern auch als Ratgeber, Helfer und Antreiberstand er jenen zur Seite, bei denen er etwas Scharfsinn der Begabungoder Willen zum Lernen erblickte. Nicht allein nur die Säumigen undSchlaffen, sondern auch die schon Entflammten und Eilenden stachelteer zum Studium der Wissenschaft auf und machte sie behender durchseine Worte.» Niccoli als gelehrter Privatmann und Dilettant, der be-weglichen Geistes seine Freunde zu ihren Werken anregt und sie be-urteilt, der die Jugend zur Wissenschaft begeistert, der war der Mann,nach dem sich Barbaro in wesentlichen Zügen richtete. Niccolis persön-liche Beziehungen zu ihm waren ähnlich wie die Traversaris, auf dessenErwähnungen in Briefen an Barbaro man angewiesen ist, da ein Brief-wechsel zwischen Niccoli und Barbaro nicht erhalten ist. So schreibtTraversari einmal: «Unser Niccolus hat dir Ciceros Briefe an Atticus gesandt; ich glaube, du erhieltest sie schon. Er schätzt dich sehr, und als ervor einigen Tagen den Wunsch hatte, für dich die griechischen Worte derPandekten abzuschreiben, mußte er, von der Schwierigkeit gehemmt, da-von Abstand nehmen, denn jenes Buch wird wie aus dem Heiligtume derMinerva hervorgeholt, und man gestattet nicht, es ohne Erlaubnis derBehörden anzusehen, weil das unerfahrene Volk ich weiß nicht was vonihm glaubt. Er besteht aber doch darauf, dir in anderer Weise einen Ge-fallen zu tun und wird es nicht an Eifer der Ausführung fehlen lassen 24 .»Mit seinen eigenen schriftstellerischen Erzeugnissen in lateinischerSprache war Niccoli niemals zufrieden. Sie hatten für ihn, nach PoggiosWorten, noch nicht die letzte Politur. So gab er sie nie heraus, abge-sehen von einem italienisch geschriebenen Buch über Interpunktion,das von Guarino angegriffen wurde. Aus seinem Zaudern und Zagen er-wächst seine persönliche Bescheidenheit, ganz im Gegensatz zu FrancescoBarbaro, der als Jüngling in wenigen Wochen kühn den großen Wurfwagte. Auch Niccoli äußerte sich sehr beifällig über Barbaros Werk.