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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
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V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN

äußeres Leben, von derartigen Sorgen befreit, beharrlicher und stetigerverlaufen; aber auch ihre Charaktere mußten fester sein, denn dafür, daßihnen das Geschick ein Übermaß von irdischen Gütern und Verant-wortungen 2uteil werden ließ, belastete es sie mit ganz andern Er-probungen als die Humanisten von Beruf. Der eine wurde, freilichnur vorübergehend, mit seinem Bruder Cosimo aus der Heimat ver-trieben, auf dem andern lastete als Einzelnem Geschick und Verant-wortung einer jahrelang von übermächtigem Feind berannten und aus-gehungerten Stadt, die zusammengebrochen wäre, hätte er sie nichtaufrecht erhalten. Poggio ist im Gegensatze zu Barbaro nie im stetigerhaltenen Gleichgewicht. Die englische Illusion treibt ihn ebenso-sehr von seinem örtlichen wie von seinem seelischen Gleichgewichts-punkt fort. Nur in Italien kann er gedeihen, und humanistische Studiensind ihm zuträglicher als religiöse Gewissensskrupel, die ihn im Landedes Nebels sichtlich plagen.

Seine Art ist rasch aufwallend und leicht gereizt; abgesehen von seinenvielen Streitschriften zeigt das eine Anschuldigung, die er gegen Barbaroerhebt. Er hat sich über ihn geärgert und tritt dem Charakter des Freundeszu nahe, von dem er wissen mußte, daß er der unerschütterlichste vonallen war. Poggio fuhr, wie wir hörten, zwischen dem Konstanzer Konzil und dem englischen Aufenthalt nicht mehr zu seinen Freunden nach Tos-kana. Seine Handschriftenfunde schickte er nach Florenz zu Niccoü,dieser hatte die aus Cluny stammenden neuentdeckten Ciceroreden demerwartungsvollen Francesco Barbaro weitergegeben 34 . Jahre gingen dar-über hin, Poggio kehrte aus England zurück und wurde ärgerlich, dieHandschrift nicht vorzufinden, weil Barbaro sie während seiner Amtszeitin Treviso mit seinen Sachen in Venedig verstaut hatte. Darauf schriebPoggio in dieser Angelegenheit an Guarino 35 einen empörten Brief:«Es tut mir leid, mein Guarino, genötigt zu sein, mich bei dir über denVerdruß, daß ich nicht sage über die Beleidigung zu beschweren, die mirFrancesco Barbaro entgegen unserer freundschaftlichen Verbindung undzuwider der Pflicht eines anständigen Menschen angetan hat. Ich habe ihmschon zwei Briefe geschrieben... aber nicht ein Wort hat er geantwortet,geschweige daß er die Reden geschickt hätte; entweder ist das ausgrößter Nachlässigkeit geschehen, um mich persönlich zu beleidigen...