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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
124
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V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN

nämlich nur an echten Dingen zu erfreuen und wenn ich mich selbsteinschätze, kenne ich mich gar nicht wieder . . . Wenn man also in etwadem Barbaro, dem ernsthaften und scharfsinnigen Menschen, glaubensoll, so ist Guarino etwas, mag er auch von Fachgenossen für nichtsoder gering geschätzt werden.» Hier sieht man, wie das Selbstvertrauenund Selbstbewußtsein des Lehrers wächst durch Preis und Rühmen desSchülers, den er über sich hebt, nachdem er ihn zuerst selber erschlossenund geweckt hat. Was Francesco Barbaro für Guarino bedeutet, weißdieser in ein Wort, in einen huldigenden Gruß zusammenzudrängen.Am Schluß eines Briefes Guarinos an Biondo 53 finden sich die Worte:«Leb wohl und empfiehl mich: «ji ßaoiXei |j.oo»

Für Guarino war Francesco der Schüler, für Poggio, der zehn Jahreälter war als der Venezianer, ist er von Jugend an der mitstrebende Ge-nosse; für den zwei Jahre jüngeren Flavio Biondo wird Barbaro ebensowie für die noch jüngeren Humanisten Filelfo und den Griechen Geor-gios Trapezuntios zum Gönner.

Der Verkehr mit Biondo fällt erst in die letzten 30 Lebensjahre Bar-baros, während der Höhepunkt der andern Freundschaften, die bereitsbesprochen wurden, früher hegt. Biondo, der bedeutendste Historikerseiner Zeit, ist also der Freund der reiferen Mannesjahre, und deshalbhat auch der Briefwechsel mit ihm ein anderes Gesicht. Der bescheideneGelehrte betrachtet sich immer als Schützling des einflußreichen venezia-nischen Staatsmannes; so kommt es, daß die hin- und hergehendenBriefe sich fast ausschließlich um die Geschicke Biondos drehen. Washat wohl Barbaro zu diesem rechtschaffenen Gelehrten hingezogen, derkeine glänzende Erscheinung war wie Poggio und Guarino, und auf derenrhetorischen Prunk, deren leuchtenden lateinischen Stil Biondo verzich-ete ? Fehlte ihm auch die sprachliche Feinheit selbst Griechisch verstandBiondo nicht so empfahlen ihn doch manche anderen Vorzüge demvenezianischen Edelmann. Vor allem gehörte Biondo zeitlebens zu denArmen und Bedrängten dieser Erde; auch als er ins Amt nach Rom gekommen war, blieb er seinem äußeren Stande nach ein armer Kanzlist,da ihm wegen seiner Verehelichung die geistlichen Pfründen, die derPapst sonst erteilt hätte, versagt blieben. Allzeit war er des Schutzes und