FILELFO
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19 wählte ihn Leonardo Giustiniani zum Lehrer seines begabten SohnesBernardo. Im Jahre 1420 begleitete er den venezianischen Residenten,den <Bailo>, als Sekretär nach Konstantinopel, lernte Griechisch beidem jüngeren Chrysoloras (Johannes), dessen Tochter er heiratete, undmachte im diplomatischen Dienst des byzantinischen Kaisers Gesandt-schaftsreisen nach Ungarn und zum türkischen Sultan. Als er nachVenedig zurückkehrte, war er schon ein angesehener Mann. Währendseiner Abwesenheit schrieb ihm der ältere Giustiniani mehrmals 92 unddrängte ihn zur Rückkehr, damit er in Venedig öffentlich Schule halte,weil damals in der Lagunenstadt das Bedürfnis danach groß war. Vene-dig, zu jener Zeit das Herz des Abendlandes, wo der Weltverkehr mehrals an irgendeinem andern Platz der Erde sich zusammendrängte, hattefür die heranwachsende Jugend zu viele Vergnügungen und Ablen-kungen; so bemerkte der ernste Giustiniani mit Sorgen, daß die vor-nehmen Söhne der Stadt ihre Stunden unnütz vertaten und auf dergroßen Piazza di San Marco herumlungerten; wenn sie nachher in denStaatsdienst treten sollten, lag ihre Allgemeinbildung im argen. Dengleichen Mißstand erkannte zu jener Zeit in Florenz auch Niccoli undversuchte dem, wie wir hörten, durch Berufung hervorragender Lehrerzu steuern. Da sich jedoch diese immer nur für einige Jahre verpflich-teten, fehlte für Venedig und Florenz die Stetigkeit des Unterrichts, diein den Universitätsstädten besser gewährleistet war. Durch die Vor-stellungen Leonardo Giustinianis bewogen, hatte sich also Filelfo aufden Rückweg gemacht; bei seiner Ankunft fand er jedoch die Stadtwegen der Pest entvölkert, alle namhaften Patrizier waren auf ihre Land-sitze geflüchtet. In der Nähe erreichbar war nur Giustiniani in seinerVilla auf Murano. Der Ton von Filelfos erstem Brief an Barbaro 93 verrät,daß er ihm damals schon nahestand; teils ist er enttäuscht, Barbaronicht in Venedig anzutreffen, teils befriedigt, ihn außer Gefahr zu wissen,denn die wütende Pest verschone niemanden in der Stadt. Filelfo selberjedoch wartet noch ein halbes Jahr in der Hoffnung, nach Erlöschen derSeuche sein Lehramt antreten zu können, dann entschließt er sich dochzur Abreise. Ein Brief an Barbaro schildert anschaulich die Bedrängnis:«Ich habe beschlossen, nach längstens drei Tagen von hier zu scheiden,und das nicht nur, weil ich einsehe, daß mir überhaupt nichts von dem