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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
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142
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142 V BARBARO ALS FREUND DER HUMANISTEN

gehalten wird, worauf ich bei der Rückkehr nach Italien meine Hoffnungsetzte, sondern vielmehr, weil die Pest mich schon in meinem eignen Hausebelagert. Gestern wurde mir plötzlich die Magd, ein ganz junges Mädchen,von der Krankheit ergriffen, weggerafft und mußte begraben werden.Wie sehr ich in Gefahr schwebe, kann dir nicht verborgen bleiben. Sovielan mir liegt, möchte ich nicht vor der festgesetzten Frist aus dem Lebenscheiden, damit die Zahl der Jahre, die ich nach den Pythagoreern inzwei Menschenleben (utroque nomine) erreichen muß, nicht erst imzweiten nachgeholt werde 94 . Und daß ich deutlicher spreche: lieber willich an ein Leben, statt an keins samt einer eitlen Hoffnung denken, dennwenn ich lebe, kann ich den Freunden und mir etwas sein; was im Todeist, das weiß ich nicht. Wo ich mich aber auch befinden werde, stets werdeich gewiß der Deine sein 95 .» Drei Tage später bricht er also aus der ver-seuchten Stadt auf, wie uns ein kurzes Abreisebillet an Barbaro nochmalsmeldet 96 . Zu Schiff will er wie üblich nach Ferrara, dann nach Bologna ,einer damals besonders unruhigen Stadt, weil sie sich jahrzehntelanggegen die päpstliche Oberherrschaft auflehnte. Filelfo gefällt es auch dortnicht und er strebt nach dem Paradies der Humanisten, nach Florenz .Seine faßlichen Briefchen von wenigen Zeilen versetzen uns durch eintreffendes Bild in die jeweiligen Zustände, wie die Erinnerung an dievon der Pest dahingeraffte Magd, oder etwa wenn er Barbaro von Bo-logna und Florenz berichtet: «Was sollte ich länger in Bologna weilen,wo man, ohne bestraft zu werden, zum Schwerte greifen darf? Ammeisten jammert mich die unglückliche Stadt, die aller Schandtat undgreulichen Wildheit ausgesetzt ist . . . Deshalb, wenn ich auch nichtszu befürchten habe, da ich bei allen sehr behebt bin, so fürchte ich dochalles bei dem allgemeinen Morden der Bürger 97 .» So sah diese Stadt aus,die reif war für die sühnende und sänftigende Wirkung des heiligenBernhardin, von dem wir bald hören werden. Was für ein gewaltigerUnterschied zwischen der Friedlichkeit innerhalb der venezianischenGrenzen und dem Unfrieden ringsum! Aus dieser Hölle bürgerlicherZwietracht will nun Filelfo nach dem gelobten Florenz entweichen,dessen Bürger, wie er hört, der griechischen Literatur und Eloquenz wiewenige ergeben seien. Seine Antrittsvorlesung 98 ist des schmeichelndenLobes für die Stadt voll er bleibt immer der glänzende Redner von