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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
159
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ALBERTO DA SARTEANO

J 59

reiste er zu seinem Freunde Francesco Barbaro nach Treviso . Er freutesich auf die gelehrten Unterhaltungen mit ihm und hoffte vom WissenFrancescos beschenkt zu werden oder, wie er sich ausdrückt: «als einReicherer daraus hervorzugehen, als er bisher war 9 ». Aber stärker nochals Barbaros humanistischer Einfluß wirkte in Treviso die Fastenpredigtseines Ordensbruders Bernhardin , so daß er diesem Meister fortan alsJünger anhing und durch sein Vorbild selbst zu einem berühmten Predigerder Zeit wurde. Guarino war nicht böse, daß er den begabten Schüler soschnell wieder verlor, schmeichelte es ihm doch sehr, daß die Observantenihm als gefeiertem Lehrer Ehrfurcht erwiesen. Auch nahm Bernhardin selbst die Gelegenheit wahr, sich als Hörer zu seinen Füßen zu setzenund an einem Lehrgang im Griechischen teilzunehmen. Guarino, wie wirihn kennen, zum Lob seiner tüchtigsten Schüler leicht entflammt, warvon den Predigten Albertos entzückt und pries sie «als süßen Schwanen-laut der himmlischen Nachtigall 10 ». Aber konnte diese durch Kanzelbered-samkeit entfachte Begeisterung die tiefen Gegensätze zur humanistischenLebensauffassung verdecken, die sich gerade bei Alberto bald zeigten ?Guarino war auch für Menschen und Dinge, die sich nicht miteinandervertrugen, rasch begeistert. Er lobte in gleichem Atem die erbaulichenPredigten der Observanten wie die unerbauüchen, wenn auch mit höchstklassischer Eleganz geglätteten Verse im Hermaphroditus des HumanistenPanormita , so daß dieser mit vieler Freude seinem erotischen Büchlein denlobenden Brief Guarinos als Einleitung voranstellte. Dies war den sitten-strengen Observantenmönchen, die das Buch öffentlich verbrannten, einDorn im Auge, und Alberto redete Guarino ins Gewissen, daß er seineBilligung des schamlosen Büchleins widerriefe. Auch darauf ging derverträgliche Guarino ein, redete sich mit dem Unterschied zwischen Formund Inhalt heraus, und sagte, daß der Dichter über mancherlei singenmöge, was er als Bürger nicht in die Tat umsetzen dürfe 11 . Poggio war indieser Angelegenheit von vorneherein vorsichtiger gewesen. Auch erteilte die humanistische Freude an der Gefeiltheit der Verse, gab aberzugleich dem Verfasser den guten Rat, sich künftighin mit einem wür-digeren Gegenstand zu befassen 12 .Wie Barbaro sich zum Hermaphroditusstellte, erfahren wir nicht; mit dem geistvollen Panormita verband ihnbis zuletzt eine herzliche Freundschaft 13 .