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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
162
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VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG

fernbliebe. Die unvereinbaren Gegensätze gärten unter der Oberfläche undkamen erst in einer späteren Humanistengeneration zum Ausbruch.Die Heißsporne und Eiferer in beiden Lagern mochten ihren Fanatis-mus und ihre Unbedingtheit immer mehr zuspitzen: jede blinde «Ver-absolutierung» eines Standpunktes blieb dem auf das Handeln in derWelt gestellten Sinn Barbaros fremd. Besonders deutlich wird diesan der Art seiner Frömmigkeit, der Pietas, einer der Grundtugenden,zu der sich die Venezianer bekannten. Barbaro hat sich oft darübergeäußert: seine Freundesliebe und Vaterliebe nennt er gleichermaßenpietas wie seine Kommandantenpflicht in Brescia , das er aus schwererBedrängnis retten wollte. Was wir im Deutschen unter Pietät, derKindesliebe zu Älteren und Verstorbenen, verstehen, ist ein engerer Be-griff. Wir übersetzen das Wort am treffendsten mit «tätiger Hingabe».Bei Francesco Barbaro bedeutet also pietas nicht nur aufschauende, son-dern ganz besonders auch niederschauende Hingabe, ehrfürchtige Scheusowohl vor den älteren Weg-weisenden Freunden als auch vor den ihmergebenen Schutzbefohlenen aller Art. Darin hegt seine Religiosität; vomDogmenstreit hat er sich zeitlebens vornehm ferngehalten, obwohldamals die Christenheit in den Zeiten des Konstanzer und Basler Kon-zils davon erfüllt war. Während er 1438 Capitano in Brescia war, trat,von Eugen IV. einberufen, das Gegenkonzil gegen Basel in Ferrara alsrömisch-griechisches Unionskonzil zusammen. Trotz vieler eigenerSorgen um die Brescia drohende Belagerung nahm er in den Briefenan seinen Vertrauensmann bei der Kurie, den Kardinal Scarampo, regenAnteil an der Einung der beiden Kirchen. Wie alle italienischen Huma-nisten, schließlich auch der politisch bedeutungsvollste unter ihnen, EneaSilvio Piccolomini , die das Papsttum als italienische Großmacht nichtgeschmälert wissen wollten, stand er auf seiten des ihm befreundetenPapstes gegen das Konzil zu Basel. Ganz bezeichnend aber geht erniemals auf die Zänkereien und Spitzfindigkeiten der Theologen inbeiden Lagern ein, sondern bedenkt und begrüßt nur die für Europa politisch heilsamen Folgen einer Beilegung des alten griechischen unddes neuen Basler Schismas, das mit der Wahl eines Gegenpapstes drohte 16 .Barbaros Briefwechsel mit Priestern und kirchlichen Würdenträgern war,wie wir schon mehrmals feststellen konnten, teils vom wissenschaftlichen