DIE PIETAS BARBAROS
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humanistischen, teils vom staatlichen Leben durchdrungen. Der ein-gehegte Bezirk seiner Frömmigkeit galt seiner Familie. Als er im Juni1440 nach schwerer Zeit immer noch nicht vom Kommandantenpostenin Brescia abgelöst war, schrieb er an Giustiniani: «Nachdem es Gott sogefallen hat, trage ich es nicht nur mit Gleichmut, sondern beglückwünschemich, daß meine Tochter Constanza alle Sorge und alle ihre Gedan-ken auf die Religion gerichtet hat, so daß sie, in Ewigkeit selig, dieHoffnungen ihres Jungfrauentums und ihrer Frömmigkeit lieber in dasewige selige Leben setzen will als in dies elende, sterbliche 17 .» Barbarostand damals noch unter dem frischen Eindruck des grenzenlosen Elends,das er soeben während der Belagerung vor Augen gehabt hatte. Weil erselber noch von Venedig abwesend war, bittet er Giustiniani, unverzüglichdie Aufnahme seiner Tochter in ein unter des Freundes Obhut stehendesKloster zu veranlassen. Leonardo Giustiniani , der in seinem Alter unterdem Einfluß seines Bruders, des hl. Lorenzo Giustiniani , eine im Ver-gleiche zu der milden Barbaros schroffe und herbe asketische Richtungeinschlägt, antwortet: «Mit dir freue ich mich außerordentlich, daß deineTochter Constanza sich dem unsterblichen Gott geweiht hat, denn ob-schon es für uns höchst wünschenswert war, daß sie einst in der Ehe demVaterland viele dir ähnliche Söhne gebäre, so ist doch dieser Ausfallgleichmütig zu tragen, darf man doch hoffen, daß sie durch Gebet nichtweniger als durch Gebären unserm Staat nützen kann. Konnte unsereConstanza einen besseren Beweis erlauchter und erhabener Gesinnunggeben, als sich auf den Kampfplatz zu stürzen, wo es gilt, mit dem stärk-sten und listigsten Feind ständig auf Leben und Tod zu kämpfen, woweder dem Leib noch der Seele vor all den Geschossen Ruhe gegönntwird, mit denen Jugend, Reichtum und Adel bestürmt zu werdenpflegen. Deshalb beglückwünsche ich dich bei unserer unvergleichlichenund unsterblichen Freundschaft erstlich, weil du deinen übrigen prangen-den Ehrenzeichen noch das hervorragendste eines solchen Sprosses hin-zugefügt hast, und dann, daß du den Beschluß der Tochter nicht lau undwiderwillig, sondern, wie es sich bei deinen sonstigen Taten ziemt, tapfererträgst und billigst 18 .» Die Aufnahme ins Kloster muß noch etwas auf-geschoben werden, weil Platz mangelt und Leonardo erst für einen An-bau sorgen will. Inzwischen soll sie den frommen Verkehr der Nonnen
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