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VI RELIGIÖSE VERTIEFUNG
pflegen. «Und auch du wirst es nicht ungern dulden, daß sie noch einWeilchen bei dir bleibt, der du starken und unerschütterlichen Sinnesversprochen hast, sie auf immer von dir zu lassen.» Constanza, die ernach seiner Mutter genannt hatte, war die Lieblingstochter Francescos,auf deren gelehrte Ausbildung er großen Wert legte, denn er konnte ihrspäter, ins Kloster, einen langen lateinischen Brief voll humanistischerAnspielungen auf Personen des Altertums und der Gegenwart senden.Dieser Brief erlaubt uns, wie das eben erwähnte Briefpaar mit Giusti-niani, einen von ihm so selten gewährten Blick auf die religiöse Seiteseines Familienlebens. Seine Nichte Luchina 19 ist nach langer standhaftertragener Krankheit in Padua, wo sie verheiratet war, gestorben, undda die Kinder seines Bruders Zacharias, wie wir gleich hören werden,in seinem Hause wie eigene Kinder aufwuchsen und erzogen wurden,so will nun der Vater seiner Tochter Constanza beim Verlust der Baseund Herzensfreundin Trost zusprechen. Die humanistische Stilisierungmit ihren bekannten Wendungen wird bald durch den eignen Gefühls-ausdruck Francescos durchbrochen: «Obwohl sich mir dabei die Augenmit Tränen füllen und die Wunde, die durch Vernunft geheilt werdenmuß, durch die Erinnerung wieder aufbricht, so spüre ich doch imSchmerz ein Wohlgefühl, weil sie so heilig aus dem Leben schied, daßsie, noch im Körper haftend, schon über den Körper hinausschwebte...du kannst nämlich nicht fremde Tränen trocknen, wenn du nicht deineeignen zurückhältst. Du weißt doch, daß Gott uns Helfer ist; so wiewir es von Hiob lesen, können wir wohl verletzt, aber nicht überwundenwerden. Deshalb, hoffe ich, beherrschst du deine Gefühle so, daß dunichts unterläßt, was man von einer guten Schwester wünschen muß,aber auch nichts tust, was unter Heiligen zu tadeln wäre. Meines Trostesbedarfst du nicht, weil du so mit Gott sprichst und Gott mit dir, daß esder Worte menschlicher Weisheit, um dich zu trösten, nicht bedarf. Undwie Nicht-Fühlen un-menschlich ist, so ist Nicht-Ertragen unwürdigdes Weisen. Da also nichts unter der Sonne ewig, weniges von langerDauer ist, und alles aufhört, weil es vergänglich ist, da sich das Natur-gesetz nicht ändern läßt und allen der Untergang gemeinsam ist, somüssen wir mit Gleichmut tragen, was uns betroffen hat. . . ich weiß, duerwartest von mir kein Heilmittel und keinen Trost für deinen Schmerz,