nicht etwa weil mein nüchterner und trockner Verstand, wenn ich hier beimir Bücher hätte, nur unzureichend aus den Quellen der Schriften ge-tränkt werden könnte, sondern weil dir alles bekannt ist, was sich sagenläßt und du selbst die Geduld besser durch Beispiel lehrst als durchWorte.» So tut es dem Vater wohl, der damals (November 1447) alleinin seiner Villa San Vigilio weilte, wenigstens im Briefe mit der Tochterüber Tod und Religion der Zwiesprache zu pflegen.Dabei spricht er sich auch über die all den Humanisten dauernd auf denLippen schwebende Frage aus, wie sich das antike Heidentum und dasgegenwärtig gültige Christentum miteinander vertrügen. Wir sind, so-bald die Religion in Frage kam, sowohl bei ihm wie bei allen andernimmer wieder auf diese Grundschwierigkeit gestoßen. In De re uxoria,erinnern wir uns, versuchte der junge Francesco die Lösung in der Weise,daß zwar die chrisdiche Religion und ihre Entscheidung für ihn undseinesgleichen an erster Stelle stehen und gebührend verehrt werdensolle, daß aber daneben die Antike, an der sein Herz hing, wohl geduldetsei. Anfechtungen dieser Meinung von sehen fanatischer Mönche, wie beiDominici und Alberto da Sarteano , machen ihn darin nie wankend. Hierin seinem Alter spricht er eine neue Lösung aus. Es war ihm wohlwesentlich, daß das eigne Kind, das er in seinem Sinne erzogen hatte,jetzt im Kloster nicht wegen der Vorüebe des Vaters für die alten HeidenGewissensskrupel bekäme, ob der Vater auch den rechten christlichenGlauben teile. So schreibt er ihr: «... denn noch mehr soll Christi Jüngerleisten als der weltliche Philosoph (mundi philosophus), wie es demHieronymus zu sagen behebt 20 ». Also besteht für ihn zwischen Christen-tum und Antike nie die schwer überbrückbare Kluft wie für viele andere.In seiner männlich-ernsten Art faßt er beides als Verpflichtung für sichauf: als christlicher Mensch trage er eben eine doppelte Verantwortung:«Und doch haben die Heiden, fährt er fort, die Gott nicht kannten undkeine Hoffnung auf Auferstehung hatten, so tapfer und standhaft denTod ihrer Söhne ertragen, um den Christen ein hohes Vorbild dafür zubieten, daß der Tod der Guten nicht so sehr zu betrauern ist 20 .» Wirmüssen vom Tode der Luchina, die ihm vor allem als hinterlassenesKind seines verstorbenen Bruders teuer war, zurückgreifen und denFaden des persönlichen Lebens Francesco Barbaros dort aufnehmen,
Druckschrift
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Seite
165
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