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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
167
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BARBAROS FAMILIENSINN

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vielleicht in Sorge um den todkranken Mann, gestorben sein. Die Kinderwaren also zu gleicher Zeit des Vaters und der Mutter beraubt, und dieganze Sorge um ihre Erziehung fiel Francesco, dem Bruder ihres Vaters,zu. Hier hatte er die erste Gelegenheit, die pietas gegen den Bruder,dem er so viel verdankte, zu üben: er tat es sein ganzes Leben in bei-spielloser Weise. Besonders von seinem ältesten Neffen Ermolao hörenwir immerfort in den Briefen, um dessen Fortkommen sich der Oheimfast mehr noch als beim eignen Sohn müht. Wir haben schon ge-hört, daß er ihn zu Guarino in die Schule schickte, und als der Neffenachher Geisdicher wurde, erfaßte den Onkel, der für seine Personnicht übermäßig ehrgeizig war, ein fiebernder Ehrgeiz für seinen Neffen.Dieser verdiente es, daß man sich für ihn einsetzte, denn er war eingeistvoller und bedeutender Mensch, der als Bischof mit seiner geist-lichen Familie eine Hochburg humanistischen Geistes innehatte. Fran-cesco ließ alle seine weitverzweigten Beziehungen zu den MächtigenItaliens spielen, bis er endlich ein Jahr vor seinem Tode erlebte, daßErmolao Bischof von Verona wurde. Im Briefwechsel sind bei einereinzigen Gelegenheit 16 Empfehlungsschreiben erhalten 24 , die Francescofür seinen Neffen in kurzer Zeit schrieb. So hatte der sterbende BruderZacharias mit Recht seine ganze Zuversicht auf Francesco gesetzt.Darüber gibt uns das Testament noch wertvolle Aufschlüsse. Unter den Vermögens-verwaltern wird Francesco an erster Stelle genannt. Dann bestimmt Zacharias dasTestament ist wie üblich mitAusnahme des lateinischen Mantels in derVolkssprache, demAltvenezianischen, abgefaßt: «Ich will, daß das Mobiliar des Hauses ganz unbelastetmeinem Bruder, Herrn Francesco, zufallen soll, dem ich Weib und Kinder anempfehle.Ich will, daß die Besagten mit meinem Bruder zusammenbleiben. Ganz sicher bin ich,daß Herr Francesco sie und meine Frau so behandeln wird, wie er es in seiner großenGüte stets getan hat, und Christus erhalte ihm lange die Gesundheit.» Das große väter-liche Stadthaus sollen Francesco und seine männlichen Nachkommen erben. Von denälteren Geschwistern, die 28 Jahre zuvor das Testament des Vaters Candiano namhaftmachte, scheint im Jahre 1419 niemand mehr am Leben gewesen zu sein. Die kleinerenHäuser, die Zacharias vielleicht als Landhäuser auf den Inseln der Lagune besaß,sollen zur Aufbringung der Mitgift seiner Töchter verkauft werden. Wenn Francescosie aber selbst erwerben wolle, so möge man sie ihm 10 Prozent billiger abgeben alsfremden Käufern. Aus einer Abrechnung vom Jahre 1429 ersehen wir, daß Francescoaus eigenem Vermögen die Auslagen für die Familie seines Bruders bestritt unddann von den Prokuratoren von San Marco diese Summen aus der Vermögensmasscder Hinterlassenschaft wiedererstattet bekam. Da sich Francesco in Briefen niemals