Druckschrift 
Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
169
Einzelbild herunterladen
 

DIE ANFÄNGE DER LAUFBAHN

169

den Geistlichen nicht das mindeste in ihre Staatsangelegenheiten hinein-reden. Das führte häufig zu Konflikten mit der Kurie; doch selbst einvom Papst verhängtes Interdikt machte die Venezianer nicht irre. Venedigverlangte sogar von den Geistlichen, die aus seinen Adelsfamilien hervor-gingen, unbedingten Gehorsam. Gerade in der Familie Barbaro führtedas später zur Katastrophe, und trotz generationenlanger höchster Ver-dienste um den Staat fiel sie in Ungnade, weil der Enkel Francescos, derwiederum Ermolao hieß und ein berühmter Philologe war, sich vomPapst während eines Auftrags der Signorie zur Würde des Patriarchenvon Aquileia erheben ließ, ohne die Genehmigung Venedigs einzuholen.Sein alter Vater Zacharias, Francescos Sohn, der damals nach einemlangen hochverdienten Leben ebenso wie dieser zuletzt Prokurator vonSan Marco war, wurde von der Signorie bedroht, daß man ihm dieselebenslängliche Würde entreißen werde, wenn sein Sohn den Befehlender Regierung nicht gehorche. In der Aufregung darüber, daß diesernicht nachgab, ist Zacharias Barbaro gestorben und so der Unehre, dieman ihm und der Ca Barbaro antun wollte, entgangen 27 .Aber nicht nur die Geistlichkeit blieb in Venedig von den Räten undÄmtern ausgeschlossen, auch das Volk, denn der große Rat war «Aus-druck der Souveränität der venezianischen Aristokratie 28 ». Währenddes Mittelalters bemerkt man in ganz Italien eine gleichläufige Bewe-gung der Zurückdrängung des breiten Volkes von der Mitherrschaft,und zwar in den übrigen italienischen Staaten zugunsten der Stadt-fürsten, während in Venedig die Versammlung der Bürger, die Voll-gemeinde mit Namen Arengo, schon im XII. Jahrhundert der allmäch-tigen Aristokratie weichen mußte. Gasparino Contarini in seiner schongenannten Schrift über den venezianischen Staat 29 begründet die Aus-schließung der Popolanen von der Regierungsgewalt mit dem Vergleichdes Auf baus eines Körpers: «In einem lebendigen Wesen gibt es vieleleblose Bestandteile, er meint also wohl die Zusammensetzung desOrganismus aus anorganischen Teilen deren doch das Lebewesenbedarf, um leben zu können, so braucht man in der Gemeinde der Bürgerviele Menschen, die aber durchaus nicht zur Bürgerschaft gehören oder insie aufgenommen werden sollen; deshalb ist von unseren Vorfahren weisedafür gesorgt worden, daß nicht das ganze Volk die höchste Gewalt