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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
Entstehung
Seite
171
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STAATLICHER AUFBAU VENEDIGS

vorbereitender Ausschuß des großen Rates für Handels- und Schiffahrts-angelegenheiten, wurde aber nach und nach die eigentliche außenpoliti-sche Behörde. Er zählt 60 stimmberechtigte Mitglieder, neben zahlreichenVirilstimmen und den amtierenden Beamten und wird das «consiliumrogatorum» genannt. Der Senat hatte eine überragende Bedeutung. Ineinem Capitulare steht ausdrücklich, daß die Senatoren nicht «officiales»,sondern «rectores » sind, also nicht Staatsbeamte, sondern Staatslenker 31 .In diese Behörde konnte man nicht vor dem 30. Lebensjahre gewähltwerden. Man hat früher bei der unrichtigen Ansetzung des Geburts-datums von Francesco Barbaro gemeint, er sei übermäßig früh in denSenat gewählt worden 32 . Das aber trifft nicht zu, denn man machte inder Regel keine Ausnahmen. Die Senatoren trugen als Amtstracht diePurpurtoga. Ihre andere Bezeichnung als «rogati», oder «pregadi» bedeutetAbgeordnete der «sestieri», der Stadtsechstel. Zum Unterschied von andernvenezianischen Behörden konnten die Senatoren immer von neuem ge-wählt werden, während Stellen wie etwa die eines Consigliere im kleinenRat, die dem einzelnen eine umfassendere Amtsgewalt einräumten, jähr-lich wechselten und erst nach Verlauf eines Zwischenjahres (contumacia)von der gleichen Persönlichkeit wieder besetzt werden durften, war dochder durchgehende Zug der venezianischen Verfassung der, zu verhüten,daß ein ehrgeiziger Mann, wie man es ringsum in Italien dauerndgeschehen sah, übermächtig wurde und sich zum Tyrannen aufwarf.Das Bild des Dogen, der solches gewagt hatte und mit seinem Kopfebezahlen mußte 33 , blieb darum zum ewigen warnenden Angedenkenschwarz verhangen. Auch die Statthalterposten in den Städten derTerra ferma wurden von Venedig nur auf ein oder zwei Jahre besetzt;der Podestä hatte ein gesetzliches Recht auf Ablösung nach dieser Frist.Einmal im Leben Francesco Barbaros wurde zu seinem Leidwesen dieseRegel durchbrochen, als in Venedig während der schweren Belagerungvon Brescia in drei Jahren kein geeigneter Nachfolger zu finden war.Für den Staatsdienst standen Barbaro zwei Möglichkeiten offen, entwederdie Verwaltung der überseeischen Gebiete im ausgedehnten Mittelmeer-Kolonialreich oder die friedliche Durchdringung und im Krieg Vertei-digung der neuerworbenen Städte und Landstriche in Oberitalien . Ob-wohl er sich einmal, vielleicht unter dem Einfluß seines Schwiegervaters