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VI LAUFBAHN ALS STAATSMANN
Pietro Loredano , des entschiedensten Vertreters der Überseepolitik, dahinäußert, daß nach wie vor die Hauptbedeutung Venedigs auf seinerSeemacht beruhe, so hat er sich doch ganz für die Landpolitik einge-setzt, in der zu seiner Zeit die größeren staatlichen Aufgaben Venedigslagen. Es wird berichtet, ohne daß es jedoch aktenmäßig nachweisbarwäre, daß er eine Verwaltungsstelle in Negroponte (Euboea ) ausgeschla-gen habe. Aus der gleichen unzuverlässigen Quelle 34 stammt auch dieNachricht, daß er wegen zu großer Jugend in Bescheidenheit die ersteangebotene Präfektur in Como ablehnte. Dies ist schon deshalb unglaub-würdig, weil auf das Ablehnen von Ämtern eine hohe Geldbuße gesetztwar und wir aus andern Fällen wissen, daß Barbaro dies vermied.Die Zeit bis zum Dezember 1422 verbrachte er im venezianischen Senat,um die Zentralverwaltung der Regierung kennenzulernen; dann wurdeer im Alter von 32 Jahren auf seinen ersten Verwaltungsposten in derProvinz nach Treviso geschickt, wo wir ihn mit dem heiligen Bernhardin und Alberto da Sarteano zusammentreffen sahen. Sogleich bildete sich einVertrauensverhältnis zwischen der Bürgerschaft und ihrem Podestäheraus, das mit seiner einjährigen Amtsdauer nicht abbrach. Die Städterder von ihm verwalteten und beschützten Plätze hingen ihm getreu seinganzes ferneres Leben an. Nur er sollte ihr Fürsprech im Senat der Haupt-stadt sein, und wenn sie Anliegen und Wünsche an die venezianische Re-gierung hatten, war er ihr nie ermüdender Sachwalter. Zweimal schluger ihnen auch auf ihre Bitte einen Podestä vor, der sie regieren sollte.Da die Bürger seine Gelehrsamkeit kannten und von seinen Beziehungenzu allen Humanisten wußten, fragten sie ihn vor allem um Rat, wenn sieeine Lehrerstelle in ihrer Stadt zu besetzen hatten. Noch 26 Jahre nachseiner Präfektur hatten sie ihn nicht vergessen und wandten sich an ihn inder Hoffnung, von dem wegen seiner Briefe hochberühmten Stilisten eineAntwort zu erhalten, die ihrer Stadt zur Ehre gereiche. In seiner liebens-würdigen Art nennt Barbaro für Treviso zwei geeignete Schulmeister,denn er hatte in seiner Klientel stets solche, denen er Stellen verschaffte;aus seinen Worten geht hervor, wie ernst er das Bildungswesen derUntertanenstädte nahm: es fänden sich unter den Lehrern solche, schreibter, die ihre Schüler einhalbmal dummer entließen, als sie sie empfangenhätten, da sie sie nichts anderes lehren könnten, als was sie selber besäßen,