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Francesco Barbaro : Früh-Humanismus und Staatskunst in Venedig / Percy Gothein
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DOGENWECHSEL VON 1423

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dieser gewählt würde, bedeute das für Venedig Krieg, der in den Friedens-jahren in beste Ordnung gebrachte Staatshaushalt werde dadurch insWanken geraten. Doch Heß sich die venezianische Aristokratie in ihrenEntscheidungen grundsätzlich nicht von ihren Dogen beeinflussen, undman wählte gerade diesen Francesco Foscari als den Tatkräftigsten zumFürsten ; damit entschieden sie sich für eine vollkommen neue, ganz aufsFestland gerichtete Politik. Diese Entscheidung hat auch das ganze äußereLeben des Francesco Barbaro beeinflußt, denn derselbe Doge überlebteihn noch um drei Jahre. Foscari ist ein großer tragischer Mensch, derTräger bisher unerhörten Glanzes venezianischer Machtentfaltung undzugleich schweren persönlichen Leides. Von seiner schicksalumwittertenGestalt erhält die venezianische Politik drei Jahrzehnte lang, währendderen er sie leitete, den machtvollen Aufschwung, aber zugleich auchdas Verhängnis dauernd neuer Kriege. Nicht nur persönliches Unglückverdüsterte das Leben des Foscari: nächst Marino Falier , dem unseligenDogen des vorhergehenden Jahrhunderts, hatte sein ebenso starker undeigenwilliger Charakter am bittersten zu leiden unter der Einengung derobersten Gewalt durch die aristokratische Verfassung der Stadt. Dogezu sein war kein beneidenswertes Los, und wir können nur den Fran-cesco Barbaro beglückwünschen, daß ihm, der sonst so großen Anteilan der Macht im Staate gehabt hat, diese höchste Würde und Bürde er-spart blieb. Seit Jahrhunderten nämlich wurde die ursprünglich unein-geschränkte Dogenmacht verfassungsmäßig geschmälert. Schon 1229 wareine besondere Behörde, die fünf correctores, für diese Überwachungeingesetzt. Ehe man ihn mit seiner Würde bekleidete, mußte der Fürstder Venezianer eine promissio beschwören, in der alle Einschränkungenaufgezählt sind. Im XVI. Jahrhundert gipfelt diese seit dem XII. fort-schreitende Entwicklung sogar in der Einsetzung von Inquisitoren,Totenrichtern, die über die Taten des verstorbenen Dogen zu Gerichtsitzen müssen. Der kleine Rat hingegen hat tatsächlich die obersteRegierungsgewalt in Händen. Er darf gegen den Dogen Klage erhebenund ihn zu einer Geldbuße verurteilen. Die genannten Promissionenführen eine lange Liste von Dingen auf, die der Doge nicht tun darf: erdarf nicht Kauffahrtei treiben, jedoch ist ihm gestattet, Ländereien zubesitzen. Es ist ihm verboten, sein Wappen im Dogenpalast anzubringen,