GRIECHISCHE HANDSCHRIFTEN IN GROTTAFERRATA 185
Bedingungen herbei. Nun wollten auch die Venezianer und Florentinermit ihren Gesandtschaften aus Rom abreisen und eilten nach Genazzano,um sich vom Papst zu verabschieden. Barbaro und Bruni wanderten durchdie Campagna gemeinsam dorthin; ins Gespräch vertieft, verfehlten sieden Weg und befanden sich plötzlich vor der Abtei von Grottaferrata(Santa Maria in Tusculano), «wo von griechischen Priestern nach grie-chischem Ritus Gott verehrt wird; am Platze fanden wir viele herrlicheDenkmale des Altertums in griechischen und lateinischen Handschriften;dort gibt es fast keinen, der des griechischen Schrifttums unkundig wäre.Zur Rechten der Kirche befindet sich ein Keller, der den Büchern und demVater Bacchus 52 geweiht ist, wo die Weinfässer und die an Zahl undWert hervorragendsten griechischen Bücher liegen. Alle sind heilig 53 undmit solch eleganter Hand geschrieben, daß es sich eher gebührte, sie inder Bibliothek des Varro oder des Ptolomaeus aufzustellen als in dieserVorratskammer. Ich vermag nicht alle ihre Namen aufzuschreiben».Dann besichtigen die beiden Humanisten noch «ebensosehr aus archäo-logischer Neugier (ad veteris memoriae curiositatem), wie zur Bereiche-rung ihres Wissens und aus Lust am Forschen» die nahegelegene tus-kulanische Burg, und Barbaro schließt, daß er dieses Erlebnis einesBriefes an Guarino für würdig halte, «damit du siehst, daß zu unserer Zeitdurch das Glück und die Sorgfalt e i n e s <Barbaren> ein Schatz griechischerWissenschaft nahe der Stadt Rom aufgefunden wurde, den das Volkvon Rom unter Moder und Schmutz verborgen liegen Heß». Nach diesemkurzen beglückenden Ausflug in sein humanistisches Jugendland mußBarbaro sich wieder den Staatsgeschäften zuwenden.Kehrte ein Gesandter nach Venedig heim, so meldete er sich noch amTage der Ankunft auf der Dogenkanzlei und trug sich in eine Liste ein,die der Großkanzler der Republik in Verwahrung hatte. (Das Amt diesesGroßkanzlers ist die höchste Stelle, die im venezianischen Staat einemNicht-Adeligen zugänglich und vorbehalten war. Er steht im Ranghöher als die Senatoren.) Nach 14 Tagen kam dann meist der großeTag für die Gesandten, wenn sie im prächtigen Saal des Senates vorden Purpurträgern Rechenschaft über die Ergebnisse ihres Auftrages ab-zulegen hatten. Beim Verlassen des Raumes legten sie ihren Bericht, dieRelation, in die Hände des Großkanzlers, der sie sofort im geheimen