ABFALL DES MARCHESE VON MANTUA 205
Ratssitzung fordert der Podestä außer der Cernide, der Bürgerwehr, dieAufstellung von weiteren 300 Fußsoldaten aus den Reihen der Bürger-schaft selbst; unter diesen müßten etwa 100 geschickte Bogenschützensein. Die Ratsherren antworten mit Höf lichkeit, daß sie dazu nach ihremPrivileg durchaus nicht verpflichtet seien, aber in ihrer aufrichtigenZuneigung zu der Serenissima wollten sie für diesmal gerne auf diefrühere Vergünstigung verzichten.
Kampfesmutig waren die Brescianer Bürger wohl, aber zu Anfanggänzlich undiszipliniert. Ohne einen Befehl abzuwarten, liefen sie beijedem Lärm zu den Waffen. Wie oft mußte Barbaro mit wenigen Gefolgs-leuten die Aufregung der unerfahrenen Menge beruhigen. Dann warensie bisweilen aber auch verzagt, wenn sie zu den Waffen greifen sollten,und mußten erst von ihm ermutigt werden; ein anderes Mal hatte er siezu beschwichtigen, wenn sie knabenhaft aufjauchzten. Kurz: im Unglückmußte er sie fröhlich machen, im Glück besonnen. (Manelmi) 20 .Was Barbaro als Proweditore im Heere schon befürchtet hatte, tratbald ein. Der venezianische Generalissimus, der Marchese von Mantua,Gianfrancesco Gonzaga , hatte den Vorteil der Venezianer gleich vonAnfang des Krieges an schlecht gewahrt. Von heimlichen Verhandlungendes Markgrafen mit dem Feinde hatte Barbaro schon längst dem SenateMitteilung machen müssen; aber als der bevorstehende Abfall des Gon-zaga in Brescia ruchbar wurde, fürchtete er doch so sehr den nieder-schlagenden Eindruck, den das Gerücht auf die Bevölkerung machenmüßte, daß er den Verbreiter dieser Nachricht ergreifen und auf demMarkt zum abschreckenden Beispiel mit dem Ohre an einen Pfahl nagelnließ, weil er den Oberfeldherrn mit unflätigen Schimpfworten geschmähthabe. Er beabsichtigte aber mit diesem scharfen Vorgehen, das derChronist Manelmi 21 (dem selbstverständlichen Tone nach zu schließen,mit dem er die Sache berichtet) augenscheinlich billigt, die unerfahreneMenge davon zu überzeugen, daß der Markgraf z u und nicht gegenVenedig stehen werde. Sich selbst aber machte Barbaro Luft durcheine abschätzige Bezeichnung dieser kleinen Fürsten und Kondottierenmit ihrer schlauen Schaukelpolitik: er nannte sie reguli, die Königlein.Daraus spricht der ganze Stolz des Angehörigen einer Aristokratie,die großzügige Weltpolitik treibt 22 . Mit der Wahl ihrer Oberfeldherren